Dresdner Studie beleuchtet Folgen des Methamphetamin-Missbrauchs bei Frauen in Sachsen



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08.04.2019 14:36

Dresdner Studie beleuchtet Folgen des Methamphetamin-Missbrauchs bei Frauen in Sachsen

Methamphetamin (MA), umgangssprachlich auch Crystal genannt, ist die weltweit am häufigsten konsumierte illegale Droge aus der Gruppe der Stimulantien vom Amphetamin-Typ. Die Sicherstellungsmenge lag 2015 bei 132 Tonnen weltweit. In Europa konzentriert sich die illegale Produktion auf Tschechien und die baltischen Staaten. Die Lage des Freistaates Sachsen an der deutsch-tschechischen Grenze erleichtert den Erwerb von MA in den grenznahen Regionen erheblich. Ärzte und Forscher beobachten hier seit Jahren einen zunehmenden Methamphetamin-Konsum. Untersuchungen zum Risiko des MA-Konsums für Schwangerschaft und Geburt liegen aus dem deutschsprachigen Raum aber bislang nicht vor.

Wissenschaftler des Instituts für Rechtsmedizin an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden sowie der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Dresden haben deshalb Behandlungsakten aller an der Uniklinik betreuten Schwangerschaften und Geburten der Jahre 2010 bis 2015 mit dokumentiertem MA-Konsum retrospektiv untersucht. 119 Schwangerschaften mit 113 Geburten von 115 Frauen mit MA-Konsum konnten ausgewertet werden. 88 Frauen räumten den Konsum während der Untersuchungen ein, 28 Frauen bestritten ihn, in drei Fällen lag keine Information in der Akte vor. In 113 Fällen erfolgte ein immunochemischer Drogentest auf MA mit Zustimmung der Frauen, der in 93 Fällen positiv war. Als Vergleichsgruppe dienten die Daten des jährlich erscheinenden Qualitätssicherungsberichts Geburtshilfe des Jahres 2015.

„Wir konnten anhand der Daten aufzeigen, dass Methamphetamin-Konsumentinnen signifikant jünger schwanger sind, oft ohne festen Partner leben, selten einem Beruf nachgehen und meist eine geringe berufliche Qualifikation besitzen«, fasst Dr. Uwe Schmidt, Erstautor der Studie, die Ergebnisse zusammen. »Die Erstfeststellung der Schwangerschaft erfolgt zeitlich später, die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen einschließlich Ultraschall ist im Vergleich zur Referenzgruppe geringer“, unterstreicht Dr. Katharina Nitzsche, Co-Autorin der Studie. „Sieben Frauen nahmen gar keine Vorsorgeuntersuchung wahr.“

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Deutlich häufiger bestanden vorzeitige Wehen, eine Muttermundschwäche mit der Gefahr der vorzeitigen Weitung des Muttermundes sowie Schwangerschaftsdiabetes. Während der Schwangerschaft traten bei MA-Patientinnen signifikant häufiger Frühgeburtsbestrebungen auf.
Die Rate der noch im Mutterleib verstorbenen Kinder lag mit 3,5 Prozent weit über dem Wert der Referenzgruppe (0,35 Prozent).

Das LKA Sachsen vermeldet zudem den starken prozentualen Anstieg der MA-assoziierten Kriminalität an der drogenbezogenen Kriminalität von 18,3 Prozent im Jahr 2005 auf über 37 Prozent im Jahr 2016. Seit über zehn Jahren war in Sachsen ein kontinuierlicher Anstieg stationärer Behandlungen infolge des Missbrauchs von Stimulantien (F15-Diagnose gemäß ICD-10) zu beobachten. Im Jahr 2015 wurden 1693 Patienten behandelt, über 90 Prozent waren von einer MA-Abhängigkeit betroffen. Erstmals konnte 2016 ein Rückgang auf 1173 Patienten beobachtet werden, der Anteil MA-assoziierter stationären Behandlungen (Einzeldiagnose illegale Drogen) liegt aber immer noch bei über 90 Prozent. Dabei ist rund ein Drittel der Patienten weiblich und überwiegend im gebärfähigen Alter. In sächsischen Suchtberatungsstellen liegt der Anteil der Klienten mit Crystal-bedingter Beratung bei knapp 24 Prozent und somit deutlich oberhalb des Bundesdurchschnitts von 6,9 Prozent.

MA-Konsumentinnen zeigen eine erhöhte sexuelle Aktivität. Dadurch steigt das Risiko von ungewollter Schwangerschaft und der Infektion mit sexuell übertragbaren Erkrankungen. Trotz Schwangerschaft wird MA häufig weiter konsumiert, sodass der Embryo bzw. der Fötus einem pränatalen Methamphetamin-Einfluss (PME) ausgesetzt ist. Exakte Daten über den MA-Konsum während der Schwangerschaft sind für Deutschland nicht verfügbar. Die Analyse der Daten aus dem Zentralregister behandelter Neugeborener erlaubt jedoch eine Abschätzung. In Sachsen lag die Zahl der behandelten Säuglinge mit einem neonatalen Abstinenzsyndrom bis 2012 relativ stabil bei 2 bis 3 pro 1000 Neugeborenen; diese Zahl ist vergleichbar mit dem deutschen Durchschnitt. In den letzten Jahren war jedoch ein erheblicher Anstieg des neonatalen Abstinenzsyndroms infolge PME auf über fünf pro 1000 Neugeborener in Sachsen zu beobachten. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher sein.

Eine monokausale Bewertung des MA-Konsums und der festgestellten Komplikationen bei Mutter und Kind ist durch den häufigen Co-Konsum weiterer Suchtmittel nicht möglich. Gleichwohl entsprechen die Ergebnisse der vorliegenden Studie denen der Literatur und stellen eine wichtige Ergänzung der Datenlage dar. Die frühe Einbindung der Schwangeren in multiprofessionelle Unterstützungssysteme wie dem Dresdner Crystalpfad zur besseren Vorsorge bietet die Chance, dass die Schwangeren bzw. Mütter eine Suchtberatung und -therapie beginnen und das Kindeswohl durch Stärkung der mütterlichen Kompetenzen gesichert wird.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. med. Uwe Schmidt
Technische Universität Dresden
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus
Institut für Rechtsmedizin
Bereichsleitung Forensische Medizin
Tel.: 0351 458-2782
E-Mail: uwe.schmidt@tu-dresden.de
Internet: https://tu-dresden.de/med/mf/rem

Dr. med. Katharina Nitzsche
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Geburtshilfe, Pränataldiagnostik, Fetale Therapie und Fetalchirurgie
Tel.: 0351 458-3420
E-Mail: katharina.nitzsche@ukdd.de
Internet: https://www.uniklinikum-dresden.de/gyn


Originalpublikation:

Schmidt, Uwe; Capek, Claudia; Birdir, Cahit; Erfurt, Christine; Nitzsche, Katharina: „Crystal“ und Schwangerschaft – erste Ergebnisse einer retrospektiven Studie zum Schwangerschafts- und Geburtsverlauf Methamphetamin-konsumierender Frauen in Sachsen; in: Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie; DOI 10.1055/a-0831-3642
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0831-3642


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Chemie, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


Quelle: IDW