
Messung von Nachhaltigkeit im Tourismus: Entwicklung eines einheitlichen Kennzahlensystems
Ein Forschungsteam der Hochschule München (HM) hat in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tourismusverband, reCET und TourCert ein Set aus neun Kennzahlen konzipiert, das eine einheitliche Beobachtung der Nachhaltigkeitsentwicklung in Tourismusregionen ermöglicht. Die Indikatoren erfassen dabei Aspekte von der Klimawirkung bis hin zur Lebensqualität der lokalen Bevölkerung.
Beurteilung der Tourismusentwicklung über wirtschaftliche Kennzahlen hinaus
Die Bewertung des Erfolgs einer Tourismusregion erfolgt häufig anhand wirtschaftlicher Parameter wie Gästeankünften, Übernachtungen oder Umsätzen. Diese Kriterien geben jedoch keinen Aufschluss über die Auswirkungen des Tourismus auf Umwelt, Gesellschaft oder die Lebensqualität vor Ort. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Nachhaltigkeit im Tourismus messen, kommunizieren und wertschätzen: Kennzahlenset für den Deutschlandtourismus“ wurde daher ein umfassendes Messsystem entwickelt, das ökologische, soziale sowie managementbezogene Faktoren berücksichtigt. Beteiligt an dem Projekt war unter anderem Prof. Marius Mayer von der Fakultät für Tourismus der Hochschule München.
Erweiterter Bewertungsrahmen für nachhaltigen Tourismus
Die entwickelten Kennzahlen ermöglichen eine ganzheitlichere Betrachtung der Tourismusentwicklung. Neben wirtschaftlichen Indikatoren werden erstmals auch die Wahrnehmung der Bevölkerung, die lokale Lebensqualität sowie die Treibhausgasemissionen, die durch An- und Abreise der Gäste verursacht werden, berücksichtigt. Die alleinige touristische Nachfrage reicht somit nicht aus, um die Entwicklung einer Destination umfassend zu bewerten. Das Kennzahlenset soll als gemeinsame Datengrundlage dienen, um Entwicklungen zu verfolgen, Strategien zu überprüfen, Maßnahmen zu evaluieren und Handlungsbedarfe zu identifizieren.
Die neun Fokuskennzahlen im Überblick
- Nachhaltigkeitszertifizierungen im Tourismus
- Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Destinationsstrategie
- Gästezufriedenheit
- Touristische Saisonalität
- Touristische Wertschöpfung
- Akzeptanz des Tourismus in der lokalen Bevölkerung (Tourismusakzeptanzsaldo)
- Beitrag des Tourismus zur Lebensqualität
- Barrierefreiheit im Tourismus
- Treibhausgasemissionen durch An- und Abreise
Zusätzlich umfasst das Set 18 weiterführende Kennzahlen, die regionale Besonderheiten und vertiefende Fragestellungen abbilden sowie aufwändigere Erhebungen ermöglichen.
Validierung in sechs Pilotregionen
Die Auswahl der Fokuskennzahlen erfolgte in einem mehrstufigen Prozess. Zunächst wurden acht nationale und internationale Indikatorensysteme mit insgesamt 250 Indikatoren analysiert. Ergänzend wurden zertifizierte deutsche Tourismusdestinationen hinsichtlich Relevanz, Aussagekraft und Erhebungsaufwand der Kennzahlen befragt. Kriterien für die Auswahl waren unter anderem die Bedeutung für eine nachhaltige Tourismusentwicklung, Datenverfügbarkeit, Vergleichbarkeit und Aufwand der Datenerhebung.
In Zusammenarbeit mit einem Fachbeirat aus Landestourismusorganisationen sowie Vertretern aus Wissenschaft und Praxis wurde das Kennzahlenset weiter konkretisiert. Die Anwendbarkeit unter verschiedenen Bedingungen wurde anschließend in sechs Pilotdestinationen geprüft: Deutsche Bodensee Tourismus GmbH, Tourismus NRW, Ostseefjord Schlei GmbH, Potsdam Marketing und Service GmbH, Spessart Tourismus und Marketing sowie der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Diese Destinationen repräsentieren unterschiedliche räumliche, strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen, darunter städtische und ländliche Gebiete, Küsten- und Binnenregionen sowie verschiedene personelle und datenbezogene Ressourcen.
Ausblick und Bedeutung der Kennzahlen
Das entwickelte Kennzahlenset stellt erstmals eine bundesweit abgestimmte Basis dar, mit der Destinationen ihre Nachhaltigkeitsentwicklung vergleichbar dokumentieren können. Die flächendeckende Erhebung der Daten auf allen Ebenen der Destinationen sowie Fragen der Finanzierung und einer zentralen Plattform zur Visualisierung der Werte sind jedoch noch offen.
Prof. Marius Mayer betont: „Kennzahlen allein erzeugen keine Nachhaltigkeit. Da die Indikatoren jedoch in einem Bottom-up-Prozess gemeinsam mit den Destinationen erarbeitet und als relevant eingestuft wurden, besteht die Erwartung, dass das Set in der Praxis Anwendung findet und als Instrument für Monitoring und Benchmarking zur evidenzbasierten Verbesserung der Nachhaltigkeit in deutschen Tourismusregionen beiträgt.“
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Marius Mayer
Telefon: +49 89 1265-2170
E-Mail: marius.mayer@hm.edu



