Teilen:
09.01.2026 09:12
Plötzlich gesund
Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.
Wenn Eierstockkrebs den Bauchraum umprogrammiert
Eierstockkrebs bildet häufig Tochtergeschwüre, vor allem in einem bestimmten Gewebe im Bauchraum, dem sogenannten Omentum. Forschende der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel haben untersucht, was passiert, wenn der Krebs dieses Organ «kapert». Die Ergebnisse sollen erfolgreichere Therapien ermöglichen.
Eierstockkrebs bleibt oft lange unerkannt. Bei sieben von zehn Betroffenen hat der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose bereits Tochtergeschwüre im Bauchraum gebildet. Besonders häufig entstehen diese Metastasen in einem Gewebe namens Omentum oder «Bauchfellschürze». Dieses Organ liegt vor dem Darm, erfüllt Schutz- und Immunfunktionen und beherbergt Fettzellen.
«Bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs stellt sich die Frage, ob neben den sichtbaren Tumoren und Metastasen auch prophylaktisch das komplette Omentum chirurgisch entfernt werden sollte, um das Wiederauftreten von Tumoren zu verringern», erklärt Dr. Francis Jacob vom Departement Biomedizin der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel.
Zellatlas von gesundem und krankem Zustand
Um diese Frage zu beantworten, analysierte das Team um Jacob und Prof. Dr. Viola Heinzelmann-Schwarz 36 Gewebeproben von 15 Patientinnen, wobei die Proben von verschiedenen Stellen des Omentums entnommen wurden. Einerseits stammten die Proben von Eierstockkrebs-Patientinnen, die bereits Tochtergeschwüre in diesem Organ aufwiesen. Andererseits von Patientinnen, die an anderen Krebsarten ohne Beteiligung dieses Organs erkrankt waren, deren Omentum also als krebsfrei gelten konnte. Die Forschenden analysierten genau, welche Zellen sich in den Proben befanden, und erstellten so einen Zellatlas des Omentums in erkranktem und gesundem Zustand.
Das Ergebnis: Das gesunde Omentum weist eine ausgewogene Zellzusammensetzung auf, das heisst, an allen untersuchten Stellen kommen etwa die gleichen Zellen in gleicher Menge vor. Dazu zählen vor allem Oberflächenzellen, Stammzellen des Bindegewebes und Immun-Gedächtniszellen.
Umbau des gesamten Organs
Bei den Eierstockkrebs-Patientinnen zeigte sich jedoch, dass der Krebs das Omentum in ein Milieu umbaut, welches die Tumorausbreitung begünstigt: In den Gewebeproben waren mehr Immunzellen vorhanden, darunter insbesondere solche Zelltypen, die den Angriff des Immunsystems auf Tumorzellen dämpfen und somit dem Krebs helfen.
Auch befanden sich in diesen Omentumproben weniger Oberflächen- und Stammzellen. Womöglich verwandeln sich diese in andere Zelltypen, die ebenfalls ein günstiges Umfeld für Metastasen schaffen.
«Eine zentraler Befund ist, dass sich auch Gewebe fern vom Tumor in seiner Zusammensetzung verändert und bereits einzelne Tumorzellen enthält. Wenn Krebszellen in das Omentum einwandern, kapern sie das gesamte Organ», erklärt Francis Jacob. Dabei gehen die normale Gewebestruktur und Regenerationsfähigkeit des Omentums verloren.
Auf Basis dieser Erkenntnisse könnte es günstiger sein, bei der Operation zur Entfernung der Tumore mehr Omentum zu entfernen anstatt nur den sichtbar erkrankten Teil. Damit liessen sich womöglich Rückfälle verringern. Ob dieses Vorgehen tatsächlich zu einer besseren Prognose führt und mit welchen Konsequenzen für die Lebensqualität, müsse jedoch in einer klinischen Folgestudie überprüft werden, betont Jacob.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
PD Dr. Francis Jacob, Universität Basel, Departement Biomedizin, Universitätsspital Basel, E-Mail: francis.jacob@unibas.ch
Originalpublikation:
Ulrike Lischetti et al.
Ovarian cancer metastasis to the human omentum disrupts organ homeostasis and induces fundamental tissue reprogramming
Nature Communications (2025), doi: 10.1038/s41467-025-67557-z
Bilder
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Biologie, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

