
Unterschiedliche Hitzeexposition in städtischen Bevölkerungsgruppen
Die zunehmende Bedeutung der Hitzevorsorge in urbanen Räumen steht im direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel. Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben deutschlandweit untersucht, inwiefern die Hitzeexposition mit soziodemografischen Faktoren wie Staatsangehörigkeit, Alter und Mietpreisen korreliert. Besonders auffällig ist der Zusammenhang mit der Nationalität: In 84,2 % der analysierten Städte war die nächtliche Lufttemperatur dort signifikant höher, wo der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit größer war. Die erhobenen Daten zeigen klare räumliche Temperaturunterschiede, erlauben jedoch keine Aussagen zu den zugrundeliegenden Ursachen.
Hintergrund und Bedeutung des städtischen Wärmeinseleffekts
Nach Angaben des EU-Klimadienstes Copernicus erreichten die Temperaturen in den Monaten Juni und Juli 2026 Rekordwerte, die in keinem vergleichbaren Zeitraum seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen wurden. Der Klimawandel verstärkt solche Hitzeextreme, deren Auswirkungen in Städten besonders ausgeprägt sind. Versiegelte Flächen und Gebäude speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab. Gleichzeitig fehlt es häufig an ausreichender Vegetation, die durch Schattenwurf und Verdunstungskühlung das Mikroklima verbessern könnte. Dieser sogenannte städtische Wärmeinseleffekt ist seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich gut dokumentiert.
Im Gegensatz dazu ist die soziale Verteilung der Hitzebelastung bislang weniger erforscht. Dr. Susanne Benz vom Institut für Photogrammetrie und Fernerkundung (IPF) am KIT betont: „Es gibt bisher nur begrenzte Erkenntnisse darüber, welche Bevölkerungsgruppen innerhalb von Städten besonders hohen Temperaturen ausgesetzt sind.“ Die Studie berücksichtigt dabei auch Fragen der Umweltgerechtigkeit, also ob Umweltbelastungen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark betreffen. Dabei wird untersucht, ob bestimmte Gruppen häufiger in dicht bebauten Quartieren mit geringem Grünflächenanteil und folglich höheren Temperaturen leben.
Methodik der Temperatur- und Bevölkerungsanalyse
Die Untersuchung umfasste alle Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands. Die Forschenden kombinierten Luft- und Landoberflächentemperaturen der Sommermonate von 2021 bis 2023 und differenzierten dabei zwischen Tag- und Nachtwerten. Um den Einfluss der Urbanisierung zu isolieren, wurde die Intensität der städtischen Wärmeinseln ermittelt, indem die Temperaturen in städtischen Gebieten mit denen topografisch vergleichbarer ländlicher Regionen in der Umgebung verglichen wurden.
Im Anschluss wurden diese Temperaturdaten mit den Ergebnissen des Zensus 2022 verknüpft. Dabei standen drei soziodemografische Merkmale im Fokus:
- Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit
- Anteil der Einwohner ab 65 Jahren
- Mietkosten pro Person als Indikator für den sozioökonomischen Status
Innerhalb der jeweiligen Kreise wurden Gebiete mit den höchsten und niedrigsten Werten der Merkmale gegenübergestellt.
Ergebnisse und Interpretation
Erstautorin Jayati Chawla vom IPF erläutert: „Landoberflächen- und Lufttemperaturen erfassen unterschiedliche Aspekte der Hitzeexposition und zeigen soziale Unterschiede nicht immer an denselben Orten.“ Während die Oberflächentemperatur vor allem die Aufheizung von Straßen, Dächern und anderen Flächen widerspiegelt, ist die Lufttemperatur in zwei Metern Höhe relevanter für den menschlichen Hitzestress. Diese wird insbesondere nachts von der lokalen Stadtstruktur beeinflusst, etwa durch Bebauung, Grünflächen und Materialwahl.
Die Analyse ergab, dass in 84,2 % der untersuchten Städte die nächtliche Lufttemperatur in Gebieten mit einem höheren Anteil an Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit signifikant erhöht war. Im Gegensatz dazu waren Gebiete mit einem höheren Anteil älterer Menschen (ab 65 Jahren) tendenziell kühler. Für die Mietkosten pro Person konnte kein eindeutiges Muster festgestellt werden. Insgesamt zeigen die Ergebnisse einen deutlichen räumlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsstruktur und Hitzeexposition.
Dr. Benz weist darauf hin, dass aufgrund fehlender detaillierter Einkommensdaten keine abschließende Bewertung möglich ist, ob die Unterschiede auf sozioökonomische Ungleichheiten zurückzuführen sind. Die Studie dokumentiert Temperaturunterschiede, ohne jedoch deren soziale, wirtschaftliche, historische oder städtebauliche Ursachen zu klären.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Die Befunde verdeutlichen, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen in städtischen Gebieten unterschiedlich stark von Hitze betroffen sind. Zudem sind diese Unterschiede in urbanen Zentren ausgeprägter als in suburbanen oder ländlichen Regionen. Die Ergebnisse können dazu beitragen, besonders hitzegefährdete Stadtviertel zu identifizieren und gezielte Maßnahmen zur Hitzevorsorge zu entwickeln.
Gleichzeitig eröffnen die Erkenntnisse neue Forschungsfragen, etwa hinsichtlich der Ursachen der beobachteten Unterschiede, der Rolle ökonomischer Faktoren und der Integration von Umweltgerechtigkeit in die Stadtplanung.
Kontakt
Sandra Wiebe, Pressereferentin
Telefon: +49 721 608-41172
E-Mail: sandra.wiebe@kit.edu
Weiterführende Informationen
https://www.ipf.kit.edu/GRUSS/EJ_Heat_Germany/?lang=de
Originalpublikation
Jayati Chawla, Philipp Keller, Susanne Benz: Comparing land surface temperature and air temperature for assessing socio-demographic inequalities in urban heat exposure: evidence from Germany. Environmental Research Letters, Band 21, 154033, 2026. DOI: 10.1088/1748-9326/ae929e



