Klimazölle in der Stahlindustrie Wirkung und Gestaltung von CO₂-Grenzausgleichsmaßnahmen

Klimazölle in der Stahlindustrie Wirkung und Gestaltung von CO₂-Grenzausgleichsmaßnahmen

Klimazölle: Gestaltung bestimmt Effektivität

Grenzausgleichsmaßnahmen für CO₂-Emissionen (Border Carbon Adjustments, BCA) verfolgen das Ziel, Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die heimische Industrie vor Wettbewerbsnachteilen zu schützen. Eine aktuelle Untersuchung des ZEW Mannheim verdeutlicht am Beispiel der globalen Stahlindustrie, dass die konkrete Ausgestaltung dieser Instrumente maßgeblich deren Wirksamkeit beeinflusst. Insbesondere Modelle, die auf Emissionsintensitäten basieren (benchmarkbasierte Ansätze), verringern das Preissignal erheblich. Im Vergleich zu mengenbasierten Verfahren übertragen sie lediglich etwa 36 % des erforderlichen CO₂-Preises, um eine identische globale Emissionsminderung zu erzielen, und führen zu größeren Wohlstandsverlusten.

Auswirkungen des BCA-Designs auf Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit

„Die Wahl des Designs bei Grenzausgleichsmaßnahmen ist kein rein technisches Detail, sondern hat fundamentale Konsequenzen für den Klimaschutz und die Wettbewerbsfähigkeit“, erläutert Eunseong Park, Forscher im ZEW-Bereich Umwelt- und Klimaökonomik. „Ein intensitätsbasierter Ansatz kombiniert faktisch CO₂-Bepreisung mit einer impliziten Produktionssubvention, wodurch die Lenkungswirkung abgeschwächt wird.“ Prof. Dr. Sebastian Rausch, Leiter des Forschungsbereichs, ergänzt: „Fehlt ein klarer CO₂-Preisanreiz im Inland, verfehlen solche Instrumente ihr Ziel und verschieben wirtschaftliche Vorteile zugunsten der heimischen Industrie, statt Emissionen zu verringern.“

Stahlindustrie als Untersuchungsgegenstand

Die Studie konzentriert sich auf die globale Stahlindustrie, da diese einen bedeutenden Anteil an industriellen Treibhausgasemissionen aufweist und ein intensiver Handel stattfindet. Die Branche zeichnet sich durch unterschiedliche Produktionsverfahren aus: Während integrierte Hochofenverfahren besonders emissionsintensiv sind, ermöglichen Elektrostahlverfahren mit hohem Schrottanteil und sauberem Strom eine deutlich emissionsärmere Herstellung. Diese technologischen Unterschiede machen die Stahlindustrie zu einem geeigneten Fall, um die Übertragung von CO₂-Preissignalen durch verschiedene BCA-Modelle im globalen Markt zu analysieren.

Abschwächung des Preissignals und Folgen für den Klimaschutz

Die Analyse zeigt, dass benchmarkbasierte Grenzausgleichssysteme das CO₂-Preissignal systematisch abschwächen. Dies führt dazu, dass das Handelsvolumen relativ hoch bleibt, während Emissionsreduktionen stärker durch technologische Veränderungen oder Produktionsverlagerungen erzielt werden. Gleichzeitig steigt das Risiko von Carbon Leakage, also der Verlagerung emissionsintensiver Produktion ins Ausland oder innerhalb globaler Lieferketten. In einem EU-nahen Szenario erhöht sich die Leakage-Rate von 16 % auf 36 %, wenn ein intensitätsbasierter statt eines mengenbasierten Ansatzes angewandt wird.

Fehlanreize entlang globaler Lieferketten

Besonders problematisch sind laut der Studie die Auswirkungen auf globale Wertschöpfungsketten, beispielsweise in der Stahlindustrie. Werden Vorprodukte wie Roheisen nicht ausreichend mit CO₂-Kosten belegt, steigt deren Importvolumen deutlich an. Das Modell zeigt, dass sich die Roheisenimporte in die EU unter einem benchmarkbasierten System verdoppeln, während die Preise künstlich niedrig bleiben. Dies begünstigt die Verlagerung emissionsintensiver Produktionsschritte ins Ausland und verschlechtert die globale Klimabilanz.

Methodischer Ansatz

Die Untersuchung basiert auf einem theoretischen Gleichgewichtsmodell, das die grundlegenden Wirkmechanismen unterschiedlicher CO₂-Grenzausgleichsdesigns abbildet. Es differenziert zwischen vorgelagerten und nachgelagerten Produktionsstufen, inländischen und ausländischen Produzenten sowie zwischen einem CO₂-Preis im Inland und einer CO₂-Bepreisung an der Grenze.

Im Anschluss wird ein empirisch kalibriertes, allgemeines Gleichgewichtsmodell der globalen Stahlindustrie verwendet, das etwa 350 Stahlwerke weltweit berücksichtigt. Dabei fließen technologische Unterschiede, Handelsströme und Lieferketten ein. Die Datengrundlage umfasst Mikrodaten, Handelsstatistiken und technische Produktionsinformationen, um realistische Auswirkungen auf Emissionen, Wohlfahrt und Produktionsverlagerungen zu analysieren.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

  • Eunseong Park
    Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Umwelt- und Klimaökonomik“
    Tel.: +49 (0)621 1235-201
    E-Mail: eunseong.park@zew.de
  • Prof. Dr. Sebastian Rausch
    Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Umwelt- und Klimaökonomik“
    Tel.: +49 (0)621 1235-200
    E-Mail: sebastian.rausch@zew.de

Originalpublikation

https://www.zew.de/fileadmin/FTP/policybrief/de/pb10-26.pdf