
Wildlebende Honigbienen in der EU erstmals auf der Roten Liste
Eine aktuelle Studie der Universität Hohenheim und Agroscope in der Schweiz belegt einen signifikanten Rückgang der frei lebenden Populationen der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) in Europa. Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) stuft diese Wildpopulationen in der Europäischen Union nun als „stark gefährdet“ ein.
Bestandsentwicklung und Bedeutung freilebender Honigbienen
Wildlebende Honigbienen existieren in Europa häufig, doch ohne Zuzug von Schwärmen aus der Imkerei wird ein Rückgang der Populationen um etwa 56 % innerhalb von zehn Jahren erwartet. Diese Populationen nisten in natürlichen Strukturen wie Baumhöhlen, Felsspalten oder hohlen Mauern und machen rund ein Sechstel der gesamten Honigbienenpopulation Europas aus. Ihre ökologische, wirtschaftliche und evolutionäre Rolle ist bislang nur unzureichend erforscht.
Dr. Patrick Kohl von der Universität Hohenheim betont, dass eine strikte Trennung zwischen wildlebenden und imkerlich gehaltenen Honigbienen biologisch nicht haltbar ist. Es findet ein ständiger genetischer Austausch statt, beispielsweise durch Paarungen zwischen Imkerköniginnen und wilden Drohnen oder durch Schwarmbildung aus Imkereien, die sich in der Wildnis ansiedeln.
Genetische Vielfalt und Anpassungsfähigkeit
Die genetische Diversität der Wildpopulationen ist von besonderer Bedeutung. So existieren in Amerika wildlebende Honigbienenvölker, die eine natürliche Resistenz gegen den Parasiten Varroa-Milbe entwickelt haben, der weltweit große Schäden an Bienenvölkern verursacht. In Europa dienen wilde Populationen als genetische Reservoirs seltener Unterarten, wie beispielsweise der Dunklen Europäischen Honigbiene (Apis mellifera mellifera) in Großbritannien. Diese genetische Vielfalt könnte auch für die Imkerei in Deutschland von Nutzen sein, insbesondere im Hinblick auf die Anpassung an Krankheiten und Umweltveränderungen.
Regionale Unterschiede und Bedrohungslage
Im Rahmen einer internationalen Kooperation wurden über 1.600 Nistplätze in 15 Ländern erfasst. Die Analyse der Überlebensdaten wilder Bienenvölker zeigt, dass die Populationen ohne Zuwanderung aus der Imkerei deutlich schrumpfen. Europa weist weltweit die geringste Dichte an wildlebenden Honigbienen auf. Während in Teilen Englands stabile Populationen bestehen, sind viele Bestände in Mitteleuropa stark gefährdet und auf Zuzug aus der Imkerei angewiesen.
Einstufung auf der Roten Liste der IUCN
Die IUCN hat die wildlebende Honigbiene in der EU aufgrund der Studienergebnisse erstmals als „stark gefährdet“ (englisch: endangered) aufgenommen. Obwohl es sich um dieselbe Art handelt, die in der Imkerei gehalten wird, gelten wilde Populationen als eigenständige Wildpopulationen, wenn sie mindestens zehn Jahre ohne menschliches Eingreifen überleben.
Auf europäischer Ebene fehlen jedoch noch ausreichende Daten, weshalb der Status dort derzeit als „Daten unzureichend“ geführt wird. Experten gehen davon aus, dass wildlebende Honigbienen in vielen Regionen selten oder lokal bereits ausgestorben sind.
Ursachen für den Rückgang
- Verlust geeigneter Lebensräume durch intensive Landnutzung und Bebauung
- Abnahme alter Bäume mit natürlichen Nistmöglichkeiten
- Rückgang naturnaher Landschaften und damit verbundener Nahrungsmangel
- Belastung durch Parasiten wie die Varroa-Milbe
- Negative Auswirkungen von Pestiziden
- Genetische Beeinträchtigung durch moderne Imkereipraktiken und globalen Handel
Imkerische Bienenvölker sind von einigen dieser Faktoren weniger betroffen, da sie in künstlichen Behausungen gehalten und bei Nahrungsmangel zugefüttert werden.
Schutz und Bedeutung für die Biodiversität
Wildlebende Honigbienen tragen zur genetischen Vielfalt bei und erfüllen wichtige ökologische Funktionen, etwa als Bestäuber von Waldpflanzen. Zudem sind sie Lebensraum für spezialisierte Arten wie die Bienenlaus und bestimmte Kleinschmetterlinge. Die Forschenden fordern daher eine Anerkennung der wilden Honigbienen als schützenswerten Bestandteil der Biodiversität sowie eine systematische Überwachung und gezielte Schutzmaßnahmen.
Dr. Benjamin Rutschmann von Agroscope unterstreicht, dass stabile Populationen wildlebender Honigbienen ein Indikator für hochwertige Lebensräume sind. Der Erhalt dieser Völker erfordert alte Bäume mit geeigneten Höhlen, vielfältige Nahrungsquellen und naturnahe Strukturen. Der Schutz dieser Lebensräume kommt somit auch zahlreichen anderen Arten zugute.
Hintergrund: Rote Liste der IUCN
Die IUCN erstellt seit 1963 Rote Listen gefährdeter Tier- und Pflanzenarten weltweit. Die Einstufung erfolgt anhand definierter Kriterien, die die Aussterbewahrscheinlichkeit innerhalb eines bestimmten Zeitraums bewerten. Dabei wird ausschließlich das natürliche Verbreitungsgebiet berücksichtigt. Zusätzlich veröffentlichen auch Staaten und Bundesländer eigene Rote Listen, um regionale Besonderheiten zu berücksichtigen und den Artenschutz vor Ort zu fördern.
Kontaktinformationen der Wissenschaftler
- Dr. Patrick Kohl, Universität Hohenheim, Fachgebiet Populationsgenomik bei Nutztieren
Telefon: +49 (0)711 459 22484
E-Mail: patrick.kohl@uni-hohenheim.de - Dr. Benjamin Rutschmann, Agroscope Zürich
E-Mail: benjamin.rutschmann@agroscope.admin.ch




