
Europäische Wälder: Starker Rückgang der Biomasse seit 2018
Eine Untersuchung der Technischen Universität München (TUM) auf Basis von Satellitendaten hat ergeben, dass Europas Wälder seit 2018 einen außergewöhnlichen Verlust an oberirdischer Biomasse verzeichnen. Besonders betroffen sind mitteleuropäische Waldgebiete, die durch Dürreperioden und Borkenkäferbefall erheblich geschwächt werden. Die Studie verdeutlicht, dass selbst geringe Zunahmen von Schadflächen zu erheblichen Kohlenstofffreisetzungen führen können, was Auswirkungen auf die Klimaschutzziele der Europäischen Union hat.
Methodik und zentrale Ergebnisse
Im Unterschied zu früheren Untersuchungen, die sich vorwiegend auf Veränderungen der Waldbedeckung konzentrierten, analysiert diese Studie erstmals flächendeckend die Veränderungen der Waldbiomasse in Europa. Hierfür wurden Satellitendaten zur Waldbedeckung mit Informationen über die gespeicherte Biomasse kombiniert. Die Auswertung zeigt einen deutlichen Anstieg des Biomasseverlusts seit 2018, was auf einen erheblichen Verlust des im Wald gebundenen Kohlenstoffs hinweist.
Insbesondere die Zunahme von Borkenkäferausbrüchen, begünstigt durch anhaltende Trockenperioden, trägt zu diesem Anstieg bei. Im Zeitraum von 2018 bis 2023 ging die Biomasse pro Hektar Waldfläche durchschnittlich um 46 % jährlich stärker zurück als im Zeitraum von 1985 bis 2017. Während sowohl Holznutzung als auch natürliche Störungen Biomasseverluste verursachen, wird der starke Anstieg seit 2018 hauptsächlich klimawandelbedingten Ereignissen zugeschrieben.
Katja Kowalski, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Earth Observation for Ecosystem Management der TUM und Erstautorin der Studie, erläutert: „Die Entwicklungen seit 2018 lassen sich kaum ohne den Einfluss des Klimawandels erklären. Zunehmende Trockenheit schwächt die Bäume und fördert gleichzeitig die Vermehrung von Borkenkäfern. Solche Ereignisse werden künftig häufiger auftreten und sollten stärker in der forstlichen Planung berücksichtigt werden, insbesondere wenn Wälder als Kohlenstoffsenken eingeplant werden.“
Regionale Unterschiede und Auswirkungen auf Kohlenstoffspeicherung
Die Menge des freigesetzten Kohlenstoffs variiert stark je nach Region. Mitteleuropäische Wälder, die besonders biomassereich sind, zeigen eine hohe Anfälligkeit gegenüber Dürre, Borkenkäfern und Stürmen. In Deutschland, dem Land mit dem größten Holzvorrat in der EU, verlieren gestörte Wälder jährlich durchschnittlich etwa 125 Tonnen Biomasse pro Hektar, was einer Freisetzung von rund 230 Tonnen CO2-Äquivalenten entspricht. Vor 2018 lag dieser Wert noch bei etwa 170 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Hektar. Mediterrane und skandinavische Wälder weisen aufgrund ihrer Baumarten und Wachstumsbedingungen geringere Biomassewerte auf und verlieren daher auf vergleichbarer Fläche weniger Kohlenstoff.
Die Zunahme von Störungen in Mitteleuropa hat somit besonders gravierende Folgen für die Kohlenstoffsenkenfunktion der europäischen Wälder.
Langfristige Trends und Ursachen
Insgesamt wurden in Europa zwischen 1985 und 2023 rund 18 % der Biomasse durch natürliche Ereignisse wie Insektenbefall, Stürme, Dürren und Brände zerstört. Während der Anteil von 1985 bis 2017 bei 17 % lag, stieg er von 2018 bis 2023 auf 23 %. Demgegenüber entfielen 82 % des Biomasseverlusts im Untersuchungszeitraum auf die Waldbewirtschaftung.
Cornelius Senf, Professor für Earth Observation for Ecosystem Management an der TUM, betont: „Im Gegensatz zu natürlichen Ereignissen können menschliche Eingriffe gesteuert werden. Die entnommene Biomasse wird meist nicht unmittelbar als CO2 freigesetzt, da sie als Rohstoff, beispielsweise für Bau oder Möbel, genutzt wird.“ Die Holzernte nahm im beobachteten Zeitraum moderat, aber stetig zu.
Folgen für die EU-Klimaziele und Handlungsempfehlungen
Die EU strebt an, ab 2030 jährlich 310 Megatonnen CO2-Äquivalente in Wäldern zu binden, um unvermeidbare Emissionen aus anderen Sektoren auszugleichen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass die Kohlenstoffbindungskapazität der Wälder bereits abnimmt: Zwischen 2020 und 2022 speicherten sie etwa 72 % weniger CO2-Äquivalente als im Zeitraum 2010 bis 2014. Die TUM-Studie weist darauf hin, dass sich dieser Trend weiter verschärfen könnte.
Professor Senf empfiehlt daher eine Anpassung des Waldmanagements: „Wälder besitzen die Fähigkeit, sich von Störungen zu erholen. Die Herausforderung besteht darin, die Kohlenstoffspeicherfunktion zu stärken und die Wälder auf zukünftige klimatische Bedingungen vorzubereiten.“
Kontaktinformationen der Wissenschaftler
- Prof. Dr. Cornelius Senf
Technische Universität München
Professur für Earth Observation for Ecosystem Management
Telefon: +49 8161 71 4371
E-Mail: cornelius.senf@tum.de
https://www.lss.ls.tum.de/eoem/startseite/ - Dr. Katja Kowalski
Technische Universität München
Professur für Earth Observation for Ecosystem Management
Telefon: +49 8161 71 4370
E-Mail: katja.kowalski@tum.de
https://www.lss.ls.tum.de/eoem/startseite/
Publikation
Kowalski, K.; Viana-Soto, A.; Brandt, M.; Ciais, P.; De Keersmaecker, W.; Fensholt, R.; Pugh, T.A.M.; Xu, Y.; Senf, C.: Accelerating biomass loss from forest disturbances across Europe. Nature Geoscience, 2026. DOI: 10.1038/s41561-026-02032-y


