Hitzewarnungen in Europa Forschungsteam fordert systematische Wirksamkeitsprüfung von Gesundheitskampagnen

Hitzewarnungen in Europa Forschungsteam fordert systematische Wirksamkeitsprüfung von Gesundheitskampagnen

Hitzewarnungen in Europa: Notwendigkeit der Wirksamkeitsprüfung von Gesundheitskampagnen

Die zunehmenden Hitzewellen stellen in Europa eine wachsende Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar, da sich der Kontinent nahezu doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt. Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt hat erstmals die Effektivität der von europäischen Gesundheitsbehörden initiierten Kommunikationskampagnen zum Hitzeschutz untersucht.

Ergebnisse der Studie

Obwohl viele Kampagnen auf bewährten Prinzipien der Gesundheitskommunikation basieren, fehlt es häufig an systematischen Vorabtests und anschließenden Evaluationen ihrer Wirkung. Die Wissenschaftler plädieren daher für einen grundlegenden Wandel: Die Gesundheitskommunikation zum Thema Hitze sollte künftig europaweit standardisiert getestet, evaluiert und weiterentwickelt werden.

Die im Fachjournal Nature Health veröffentlichte Studie „Evidence-based communications for extreme heat and health“ analysierte elf unterschiedliche Kommunikationsmaßnahmen aus Deutschland, Frankreich, Griechenland und den Niederlanden sowie Initiativen von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Grundlage bildeten drei Expert*innentreffen mit jeweils etwa 20 Fachleuten aus Gesundheitsbehörden und Forschungseinrichtungen verschiedener europäischer Länder, die zwischen Mai 2024 und Juni 2025 stattfanden.

Untersucht wurden diverse Kommunikationsformen, darunter Websites, Social-Media-Kampagnen, Flyer, Radiospots, Videos sowie Warnhinweise im öffentlichen Nahverkehr. Die Zielgruppen umfassten sowohl die Allgemeinbevölkerung als auch besonders gefährdete Gruppen wie ältere oder wohnungslose Menschen sowie Besucher*innen großer Veranstaltungen wie der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland und der Olympischen Spiele in Paris.

Best-Practice-Beispiele

  • Frankreich: Die Kampagne der Santé publique France zeichnet sich durch ein positives, nutzenorientiertes Framing aus, das alltagsnahe Empfehlungen zum Umgang mit Hitze vermittelt, beispielsweise zum Kühlen von Wohnräumen oder zur Verbesserung der Schlafqualität. Eine Befragung von über 3.000 Personen vor und nach der Kampagne zeigte, dass dieses Vorgehen mehr Engagement erzeugte als klassische, bedrohungsbasierte Botschaften. Fast die Hälfte der Befragten setzte mindestens eine Schutzmaßnahme um, über 70 % planten dies zukünftig.
  • Niederlande: Das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM) evaluierte den Hitzeaktionsplan 2024/2025 erstmals umfassend. Die daraus resultierende Anpassung der Kommunikationsstrategie legt nun den Fokus auf gegenseitige Fürsorge bei Hitze, insbesondere für Pflegende und Angehörige, statt ausschließlich auf individuelle Selbstschutzinformationen.

Defizite und Herausforderungen

Diese positiven Beispiele bleiben jedoch Ausnahmen. In den meisten untersuchten Ländern werden Kommunikationsmaßnahmen weder vor der Einführung systematisch getestet noch nachträglich hinsichtlich ihrer Wirkung auf Wissen, Risikowahrnehmung oder Schutzverhalten evaluiert. Die Erfolgskontrolle beschränkt sich oft auf einfache Kennzahlen wie Website-Klicks. Zudem dominieren weiterhin angstbasierte, verlustorientierte Botschaften, während eine differenzierte Ansprache spezifischer Zielgruppen – etwa alleinlebender Älterer, Tourist*innen oder Beschäftigter in besonders hitzeexponierten Branchen – selten erfolgt.

Ein weiterer Befund der Studie ist der mangelnde Austausch zwischen europäischen Ländern über wirksame Strategien, Materialien und Evaluationsmethoden. Bestehende europäische Netzwerke und Institutionen werden hierfür bislang unzureichend genutzt.

Empfehlungen der Forschenden

  • Systematische Vorabtests von Kommunikationsmaterialien vor deren Veröffentlichung
  • Verpflichtende Wirkungsevaluation nach Einführung, basierend auf klar definierten und überprüfbaren Zielen
  • Aufbau einer europaweiten Datenbank mit evidenzbasierten und evaluierten Materialien zur gemeinsamen Nutzung
  • Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen europäischen Gesundheitsbehörden zur Bündelung von Ressourcen und zum gegenseitigen Lernen

Das vom Bundesgesundheitsministerium am Institute for Planetary Health Behaviour geförderte Projekt HEATCOM, das auch die Expert*innentreffen koordinierte, stellt bereits eine entsprechende Dateninfrastruktur bereit. In Deutschland werden regelmäßig repräsentative Daten zu Hitzewissen, Risikowahrnehmung und Schutzverhalten erhoben. Diese zeigen unter anderem, dass etwa zwei Drittel der Menschen aus besonders gefährdeten Gruppen ihr erhöhtes Risiko nicht wahrnehmen, was die Notwendigkeit gezielter Kommunikation unterstreicht.

Schlussfolgerung

Angesichts der zunehmenden Häufigkeit von Hitzeperioden reicht die bloße Verbreitung von Warnungen und Schutztipps nicht aus. Ihre Wirksamkeit muss nachweisbar sein. Die Forschenden appellieren daher an die europäischen Gesundheitsbehörden, Kommunikationsstrategien künftig systematisch zu testen, zu evaluieren und länderübergreifend abzustimmen, um den Schutz der Bevölkerung zu verbessern.


Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:

Sarah Pelull
E-Mail: sarah.pelull@uni-erfurt.de


Originalpublikation:

https://www.nature.com/articles/s44360-026-00165-3


Weiterführende Informationen:

https://projekte.uni-erfurt.de/pace/heatcom/
https://www.uni-erfurt.de/institute-for-planetary-health-behaviour