
Hinweise auf Paarungen von Großen Abendseglern im Frühjahr nach dem Winterschlaf
Bislang galt als gesichert, dass Fledermäuse ihre Paarung ausschließlich im Herbst durchführen. Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung der Universität Greifswald, veröffentlicht im Fachjournal Mammalian Biology, stellt diese Annahme infrage. Bei der Art Nyctalus noctula konnten Forschende im Frühjahr Anzeichen für Paarungsaktivitäten nach dem Winterschlaf feststellen, darunter den Nachweis von Spermien.
Untersuchungsumfang und -standorte
Im Rahmen der Studie wurden mehrere hundert Exemplare des Großen Abendseglers an vier verschiedenen Orten in Nordostdeutschland untersucht. Die Standorte umfassen Havelberg in Sachsen-Anhalt, Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sowie zwei weitere Gebiete in Brandenburg. Die Untersuchungen erfolgten in alten Wäldern mit komplexer Struktur, die sowohl natürliche Baumhöhlen als auch Fledermauskästen enthalten.
Ergebnisse und biologische Indikatoren
- Im Frühjahr konnten bei zahlreichen männlichen Fledermäusen Spermien in den Nebenhoden nachgewiesen werden.
- Beide Geschlechter zeigten eine Vergrößerung der Wangendrüsen, die während der Paarungszeit eine Rolle bei der Kommunikation spielen.
- Bei weiblichen Tieren wurden in Vaginalproben Spermien gefunden, obwohl viele sich noch nicht im Eisprung befanden.
Diese Befunde deuten darauf hin, dass Fortpflanzungsprozesse auch nach dem Winterschlaf stattfinden können. Dr. Marcus Fritze von der Universität Greifswald erläutert, dass das Frühjahr möglicherweise eine zusätzliche Gelegenheit für Paarungen darstellt, etwa wenn im Herbst keine erfolgreiche Kopulation erfolgte oder rangniedrige Männchen ihre Chance nutzen.
Bedeutung für Lebensräume und Naturschutz
Die Studie hebt die Bedeutung alter, höhlenreicher Wälder als essentielle Lebens- und Fortpflanzungsräume für den Großen Abendsegler hervor. Solche Wälder bieten nicht nur Quartiere für den Winterschlaf, sondern auch wichtige Strukturen für die Fortpflanzung. Fledermauskästen können natürliche Baumhöhlen ergänzen, ersetzen jedoch nicht den vollständigen Lebensraum eines Waldes.
Der erfahrene Fledermausschützer Peter Busse, der ein großes Kastenrevier im Havelberger Forst betreut, betont die zentrale Rolle dieser Wälder für die Art: Der Verlust dieser Lebensräume bedeutet für die Tiere weit mehr als nur den Verlust von Schlafplätzen.
Auswirkungen im Kontext des Klimawandels
Die Ergebnisse legen nahe, dass der Fortpflanzungszyklus des Großen Abendseglers flexibler ist als bisher angenommen. Diese Anpassungsfähigkeit könnte angesichts klimatischer Veränderungen von Vorteil sein. Gleichzeitig unterstreicht die Studie die Notwendigkeit stabiler Lebensräume zur Erhaltung der Art.
Ein vertieftes Verständnis der Reproduktionsbiologie ist entscheidend für den Schutz der Fledermäuse. Nur durch Kenntnis der genauen Zeit- und Ortsangaben von Fortpflanzungsaktivitäten können Schutzmaßnahmen effektiv gestaltet werden, so Dr. Fritze.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen:
Dr. Marcus Fritze
Kompetenzstelle für Fledermausschutz
c/o Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz
Hallesche Straße 68A, 06536 Roßla
Telefon: +49 1511 8838514
E-Mail: marcus.fritze@biores.mwu.sachsen-anhalt.de
E-Mail: marcus.fritze@uni-greifswald.de
Originalpublikation:
Mathgen, X., Busse, P., Fasel, N. J., Kravchenko, K., Scheuerlein, A., Holtze, S., Fritze, M. (2026): Reproductive timing in bats: evidence of spring mating following hibernation. Mammalian Biology, 15. April 2026.
https://doi.org/10.1007/s42991-026-00581-8




