Pflanzenvielfalt in Europa Analyse der Veränderungen und Herausforderungen durch gebietsfremde Arten

Pflanzenvielfalt in Europa Analyse der Veränderungen und Herausforderungen durch gebietsfremde Arten

Pflanzenvielfalt in Europa: Warum ein Anstieg der Artenzahl keine Entwarnung bedeutet

Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) zeigt, dass die Anzahl der Pflanzenarten in vielen europäischen Ökosystemen im letzten Jahrhundert eher zugenommen hat als abgenommen. Diese Entwicklung wird jedoch nicht als positives Zeichen gewertet, da der Zuwachs hauptsächlich auf generalistische und gebietsfremde Arten zurückzuführen ist, die mit den ursprünglich heimischen Pflanzen konkurrieren. Gleichzeitig ist die Gesamtzahl der Pflanzenarten auf kontinentaler Ebene stabil geblieben. Die Ergebnisse basieren auf der Auswertung von über 57.000 Zeitreihen zur Pflanzenvielfalt in unterschiedlichen Lebensräumen Europas und wurden im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.

Unterschiedliche Trends auf lokaler und globaler Ebene

Die Studie adressiert eine häufig beobachtete Diskrepanz in der Biodiversitätsforschung: Während global betrachtet Artenverluste und -verdrängungen bekannt sind, zeigen lokale Daten oft stabile oder sogar steigende Artenzahlen. Dr. Stephan Kambach von der MLU, einer der Studienleiter, erläutert, dass sich Veränderungen der Artenvielfalt auf lokaler Ebene komplexer darstellen und der scheinbare Anstieg nicht zwangsläufig auf eine intakte Biodiversität hinweist.

Methodik und Umfang der Analyse

In Zusammenarbeit mit Forschenden aus 21 Ländern wurde erstmals eine umfassende europäische Analyse zur Entwicklung der lokalen Pflanzenvielfalt über 100 Jahre erstellt. Grundlage bildeten über 57.000 Vegetations-Zeitreihen, also wiederholte systematische Erhebungen von Pflanzengemeinschaften an identischen Standorten. Die Daten wurden zudem nach Lebensraumtypen und deren Veränderung kategorisiert, wobei unterschieden wurde zwischen stabilen Habitaten, solchen mit natürlichen Veränderungen und durch menschliche Eingriffe beeinflussten Gebieten.

Prof. Dr. Helge Bruelheide betont, dass diese Studie die bislang umfangreichste Untersuchung zur Veränderung lokaler Pflanzengemeinschaften in Europa darstellt und erstmals detaillierte Einblicke in die Trends der verschiedenen europäischen Lebensraumtypen ermöglicht.

Ergebnisse: Artenzuwachs durch Generalisten und invasive Arten

  • Im Durchschnitt erhöhte sich die Artenzahl auf den untersuchten Flächen um 0,2 % pro Jahr.
  • Die stärksten Veränderungen wurden in Feuchtgebieten und Mooren festgestellt, insbesondere dort, wo Lebensräume durch Störungen oder Gehölzaufwuchs beeinflusst wurden.
  • In Grünlandflächen waren die Veränderungen deutlich geringer.
  • Der beobachtete Artenzuwachs resultiert vor allem aus dem Vordringen von generalistischen und gebietsfremden Arten.
  • Heimische, spezialisierte und seltene Pflanzenarten könnten langfristig durch diese Konkurrenz verdrängt werden.
  • Die Gesamtzahl der Arten innerhalb eines Lebensraumtyps auf europäischer Ebene blieb trotz Einwanderung neuer Arten unverändert.

Dr. Kambach weist darauf hin, dass Prozesse wie Artenverdrängung und Aussterben langsam ablaufen und sich erst über lange Zeiträume nachweisen lassen. Sollte sich der aktuelle Trend fortsetzen, ist auch in heute stabilen Gebieten mit einem Rückgang der Artenvielfalt zu rechnen.

Bedeutung langfristiger Monitoringprogramme

Die Studie basiert auf jahrzehntelangen Erhebungen von Botanikern aus ganz Europa und unterstreicht die Relevanz eines kontinuierlichen, europaweiten Monitorings lokaler Pflanzengemeinschaften. Ute Jandt, Koordinatorin des europaweiten Projekts „MOTIVATE“ an der MLU, hebt hervor, dass solche langfristigen Daten essenziell sind, um Veränderungen der Biodiversität nachvollziehen zu können. Das Projekt wird im Rahmen der Biodiversa+-Partnerschaft von der Europäischen Kommission sowie mehreren nationalen Forschungsförderorganisationen unterstützt. Beteiligte Partner kommen unter anderem aus Rostock, Oulu (Finnland), Brünn (Tschechien), Wien (Österreich), Oviedo (Spanien) sowie Bologna und Rom (Italien).


Quellenangabe

Kambach S. et al. (2026): Habitat-specific trends in taxonomic, functional, and phylogenetic diversity in European plant communities over a century. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-72112-5