
Proteinübersetzungsfehler in Pflanzen: Hohe Toleranz gegenüber Fehlübersetzungen
Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben untersucht, wie Pflanzen mit Fehlern bei der Proteinsynthese umgehen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass bestimmte Zellorganellen in Pflanzen eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzen, fehlerhafte Proteine zu kompensieren. Diese Anpassungsfähigkeit könnte eine wichtige Rolle bei der Reaktion auf Umweltstress spielen.
Robustheit der Organellen gegenüber Übersetzungsfehlern
Die korrekte Synthese von Proteinen ist grundlegend für die Zellfunktion. Das Forschungsteam um Professor Hans-Henning Kunz und Dr. Benjamin Brandt konnte jedoch erstmals belegen, dass Pflanzen eine deutlich höhere Fehlertoleranz bei der Proteinherstellung aufweisen als bisher bekannte Organismen. Am Modellorganismus Arabidopsis thaliana wurde gezeigt, dass Mitochondrien und Chloroplasten – die für Energiegewinnung und Photosynthese zuständigen Organellen – auch bei erhöhten Fehlerraten funktionsfähig bleiben und unterschiedlich auf diese Fehler reagieren.
Methodik zur Untersuchung der Mistranslation
Für die Studie wurden Pflanzen erzeugt, bei denen ausschließlich in den Organellen eine erhöhte Fehleranfälligkeit bei der Proteinsynthese vorlag. Dies wurde durch modifizierte Transfer-RNAs erreicht, die vermehrt falsche Aminosäuren in die entstehenden Proteine einbauten – ein Vorgang, der als Mistranslation bezeichnet wird. So konnte erstmals systematisch analysiert werden, wie die Organellen mit solchen Fehlern umgehen.
Unterschiedliche Strategien von Mitochondrien und Chloroplasten
- Mitochondrien: Diese Organellen zeigen eine starke Begrenzung der Fehlerrate, indem sie fehlerhafte tRNAs erkennen und deren Einbau verhindern.
- Chloroplasten: Im Gegensatz dazu tolerieren Chloroplasten sehr hohe Fehlerraten, wie sie bisher in Organismen kaum beobachtet wurden. Gleichzeitig verfügen sie über Mechanismen, die trotz der fehlerhaften Proteine eine Aufrechterhaltung ihrer Funktion sicherstellen.
Mistranslation als potenzieller Bestandteil der Stressantwort
Die Forschenden stellten zudem fest, dass ähnliche Übersetzungsfehler auch in unveränderten Pflanzen auftreten, wenn diese auf Temperaturstress reagieren. Dies deutet darauf hin, dass Mistranslation nicht nur ein zufälliger Fehler ist, sondern möglicherweise eine natürliche Anpassungsstrategie von Pflanzen darstellt. Vergleichbare Mechanismen sind bereits von Bakterien bekannt, bei denen kontrollierte Fehlübersetzungen unter Stressbedingungen die Überlebensfähigkeit erhöhen können.
Ausblick und Bedeutung der Ergebnisse
Diese Erkenntnisse eröffnen neue Perspektiven, um zu untersuchen, ob Pflanzen ähnliche adaptive Strategien nutzen. Langfristig könnten sie dazu beitragen, Ansätze für die Züchtung oder Entwicklung widerstandsfähigerer Nutzpflanzen zu entwickeln, die besser mit klimatischen Herausforderungen wie Hitze oder Kälte umgehen können.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Hans-Henning Kunz
Lehrstuhl für Biochemie und Physiologie der Pflanzen
Biozentrum der LMU München, Fakultät für Biologie
Telefon: +49 (0)89 / 2180 – 74750
E-Mail: kunz@lmu.de
Weitere Informationen
Originalpublikation
B. Brandt, S. Schwartz, S. Schwenkert, M. Krämer, K. Om, C. Engstler, A. Klingl, P. Jahns, E.H. Meyer, R.A. DeTar, J. Eirich, I. Finkemeier, A.B. Cousins & H. Kunz (2026): Plants tolerate substantial rates of plastid mistranslation via regulated proteostasis. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 123(22), e2537357123.



