Rückkehrraten von Watvögeln in der Arktis und deren Einfluss auf Brutplatzwahl und Populationsdynamik

Rückkehrraten von Watvögeln in der Arktis und deren Einfluss auf Brutplatzwahl und Populationsdynamik

Brutplatztreue von Watvögeln in der Arktis: Heimische Gebiete versus neue Brutstätten

Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel der Watvögel, die in der arktischen Tundra brüten, jährlich an ihre vorherigen Brutplätze zurückkehrt. In anderen Lebensräumen wie Wäldern, Graslandschaften und Trockengebieten liegt die Rückkehrrate hingegen bei etwa zwei Dritteln.

Einfluss des Breitengrads auf die Rückkehrrate

  • In der Tundra variiert die Rückkehrhäufigkeit mit dem Breitengrad: Am südlichen Rand der Arktis kehrt rund die Hälfte der Vögel zurück, während es in der hohen Arktis nur etwa 10 % sind.
  • In anderen Lebensräumen hat der Breitengrad kaum Einfluss auf die Rückkehrrate der Watvögel.

Bedeutung der Rückkehrrate für Genfluss und Krankheitsausbreitung

Die Variabilität in der Brutplatztreue beeinflusst den Genfluss zwischen Populationen und die Verbreitung von Krankheiten. Die Ergebnisse werfen die Frage auf, ob auch andere instabile Lebensräume ähnlich mobile Brutvögel hervorbringen.

Hintergrund und Methodik der Studie

Watvögel legen teils weite Strecken zurück und kehren oft zu bekannten Brutgebieten zurück, was Vorteile wie Vertrautheit mit Futterplätzen und Schutz vor Raubtieren bietet. Dennoch gibt es Arten wie den Graubruststrandläufer oder den Tundraschlammläufer, die kaum an dieselben Orte zurückkehren. Selbst bei Arten mit hoher Brutplatztreue, wie den Austernfischern, wechseln manche Individuen den Brutplatz.

Ein Forscherteam unter Leitung von Prof. Dr. Bart Kempenaers am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz analysierte in der Fachzeitschrift „Ecography“ veröffentlichte Daten zu Watvogelpopulationen der nördlichen Hemisphäre. Dabei zeigte sich, dass die Rückkehrrate in der arktischen Tundra deutlich geringer ist als in anderen Lebensräumen. Innerhalb der Tundra nimmt die Rückkehrrate mit zunehmender nördlicher Lage weiter ab. In anderen Habitaten ist der Breitengrad für die Rückkehrwahrscheinlichkeit unerheblich.

Ergebnisse im Detail

Die arktische Tundra ist durch starke jährliche Schwankungen in den Brutbedingungen geprägt. Ein Brutplatz, der im Juni eines Jahres optimal war, kann im Folgejahr noch schneebedeckt oder stärker von Raubtieren bedroht sein. Da Watvögel nur ein enges Zeitfenster für die Brut haben, können sie nicht auf bessere Bedingungen warten und sind daher flexibler bei der Wahl des Brutplatzes.

Die Wissenschaftlerin Eunbi Kwon wertete Daten von 120 Populationen aus 55 Watvogelarten aus, die aus Feldstudien und Forschungsaufzeichnungen stammen. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Arten mit geteilter Brutpflege eine höhere Brutplatztreue aufweisen. Die aktuelle Analyse ergab, dass die Lebensraumart – insbesondere die Tundra – den größten Einfluss auf die Rückkehrrate hat.

Innerhalb der Tundra kehren am südlichen Rand etwa 50 % der Vögel zurück, während es in der hohen Arktis nur etwa 10 % sind. In Wäldern, Grasland und Trockengebieten bleiben die Rückkehrraten mit etwa 66 % unabhängig vom Breitengrad konstant. Dieses Muster zeigte sich auch bei Arten, die in mehreren Lebensräumen brüten: Individuen aus Tundra-Populationen kehrten seltener zurück als solche aus anderen Habitaten.

Ausblick und Bedeutung der Ergebnisse

Prof. Kempenaers betont, dass die Erkenntnis, dass ein einzelner Lebensraum die Variation der Brutplatztreue maßgeblich bestimmt, neue Forschungsfragen aufwirft. Beispielsweise könnte untersucht werden, ob auch andere temporäre oder instabile Lebensräume nomadische Brutvögel fördern. Weiterhin ist unklar, welche Faktoren einzelne Vögel zur Rückkehr oder zum Wechsel des Brutplatzes bewegen.

Angesichts des zunehmenden Drucks auf Brutlebensräume weltweit könnte die Flexibilität bei der Wahl des Brutplatzes eine wichtige Rolle für die Stabilität von Watvogelpopulationen spielen. Die Kombination von groß angelegten Vergleichsstudien und individuellem Tracking bietet Potenzial, um weitere Einblicke in Genfluss und Krankheitsausbreitung zu gewinnen.


Kontakt für wissenschaftliche Anfragen

Prof. Dr. Bart Kempenaers
Direktor, Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz
E-Mail: bart.kempenaers@bi.mpg.de


Originalpublikation

Titel: A global latitudinal decline in breeding site fidelity emerges from a single biome
Autoren: Peter Santema, Eunbi Kwon, Luke Eberhart-Hertel, Mihai Valcu, Bart Kempenaers
Veröffentlicht in: Ecography, online am 14.09.2026
DOI: http://doi.org/10.1002/ecog.08440


Weiterführende Informationen

Webseite der Abteilung Ornithologie am MPI für Biologische Intelligenz


Bilder


  • Graubruststrandläufer auf Wanderung in der Arktis

    Graubruststrandläufer legen auf ihren Wanderungen lange Strecken von den Überwinterungsgebieten zu den Brutplätzen in der Arktis zurück, kehren jedoch selten an dieselben Brutorte zurück.
    © MPI für biologische Intelligenz / Kaspar Delhey


  • Großer Strandläufer in der arktischen Tundra

    Der Große Strandläufer (Limnodromus scolopaceus) gehört zu den Watvögeln, die in der arktischen Tundra brüten und seltener an denselben Brutplatz zurückkehren als Vögel aus anderen Lebensräumen.
    © MPI für biologische Intelligenz / Kaspar Delhey