Schwachstellen bei Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau und ihre Auswirkungen auf Lieferketten

Studie deckt Schwachstellen bei Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau auf

Eine Untersuchung von Forschenden der ETH Zürich zeigt am Beispiel eines Nachhaltigkeitsprogramms in der Elfenbeinküste, dass in etwa jedem vierten Fall Daten verfälscht wurden, um die Anforderungen des Programms zu erfüllen. Dabei stieg die Häufigkeit der Manipulationen signifikant, wenn die Prüfer:innen die Zielvorgaben kannten. Wurden diese Werte jedoch nicht offengelegt, halbierte sich die Rate der Falschangaben.

Hintergrund und Bedeutung der Studie

Nachhaltigkeitssiegel wie Rainforest Alliance oder Fairtrade sollen sicherstellen, dass bei der Produktion von Kakao, Kaffee oder Bananen ökologische und soziale Standards eingehalten werden. Beispielsweise wird kontrolliert, ob keine Regenwälder gerodet, keine Kinderarbeit eingesetzt und keine hochgiftigen Pestizide verwendet werden. Die Überprüfung erfolgt durch Auditor:innen, die vor Ort Daten erheben, etwa zur Anzahl neu gepflanzter Schattenbäume auf Kakaofarmen, um die Einhaltung der Kriterien zu bestätigen.

Interessenskonflikte und Anreizproblematik

Der Forscher Federico Cammelli, der mehrere Jahre zu Zertifizierungen im Kakaoanbau geforscht hat, weist auf bestehende Interessenskonflikte entlang der Wertschöpfungskette hin. Es fehle an unabhängigen Kontrollmechanismen und Anreizen, die erhobenen Daten verlässlich zu überprüfen. Die aktuelle Studie, veröffentlicht im Fachjournal „Science“, belegt, dass etwa 25 % der Daten für das Nachhaltigkeitsmonitoring manipuliert wurden.

Methodik und Ergebnisse

Die Analyse basiert auf Monitoringdaten von 407 Kakaobetrieben in der Elfenbeinküste, die an einem Programm eines internationalen Kakaoeinkäufers teilnahmen. Ziel war das Pflanzen von Schattenbäumen zur Förderung der Biodiversität und Gesundheit der Kakaopflanzen. Im Rahmen der Studie wurden die Audits so gestaltet, dass genaue Angaben über die Anzahl der Schattenbäume belohnt wurden. Auditor:innen zählten die Bäume und konnten ihre Angaben in Echtzeit mit den Angaben der Landwirt:innen abgleichen. Zudem war eine nachträgliche Korrektur der Daten möglich.

  • Bei Farmen, die die Kriterien bereits beim ersten Audit erfüllten, wurden nur in 6 bis 7 % der Fälle nachträgliche Datenänderungen vorgenommen.
  • In Fällen, in denen die Kriterien zunächst nicht erfüllt wurden, erfolgten in 33 % der Fälle nachträgliche Anpassungen der Daten.
  • Andere, nicht auditrelevante Daten und das Belohnungssystem blieben unverändert, was auf gezielte Manipulationen bei prüfungsrelevanten Angaben hinweist.

Obwohl die Auditor:innen keine direkten Belohnungen für korrekte Berichte erhalten, bestehen Anreize, die Prüfungen bestehen zu lassen, etwa um gute Beziehungen zu den Landwirt:innen zu wahren.

Auswirkungen von Transparenz bei Prüfkriterien

In einem experimentellen Ansatz wurden die Farmen in zwei Gruppen aufgeteilt: Einer Gruppe waren die Prüfkriterien bekannt, der anderen nicht. Die Rate der manipulierten Angaben sank bei den Prüfer:innen, die die Kriterien nicht kannten, von 25 % auf 11 %. Dies zeigt, dass die Vertraulichkeit der Prüfparameter die Integrität der erhobenen Daten verbessern kann.

Relevanz für die EU-Entwaldungsverordnung

Die Ergebnisse sind besonders relevant im Kontext der ab Ende 2026 bzw. Mitte 2027 geltenden EU-Entwaldungsverordnung. Diese verpflichtet Unternehmen, nachzuweisen, dass importierte Produkte wie Kakao, Soja oder Palmöl nicht auf nach 2020 abgeholzten Flächen produziert wurden. Die Verordnung setzt auf Geoinformationssysteme und Satellitenüberwachung, um die Herkunft der Rohstoffe zu kontrollieren.

Rachael Garrett, Mitautorin der Studie, weist darauf hin, dass bei der Datenerhebung vor Ort ähnliche Anreize für fehlerhafte Angaben bestehen wie in der Studie dokumentiert. Die Forschungsergebnisse liefern daher wichtige Hinweise für die Gestaltung von Audits und Monitoringverfahren im Rahmen der Verordnung.

Notwendigkeit einer umfassenden Transformation der Lieferkette

Die Studienautor:innen betonen, dass die Verbesserung der Datenintegrität auf einzelnen Farmen nicht ausreicht, um grundlegende Nachhaltigkeitsprobleme wie die Entwaldung zu beheben. Johan Six, Professor für nachhaltige Agrarökosysteme, kritisiert das bestehende neokoloniale Wirtschaftssystem im Kakaoanbau. Dieses biete den Produzent:innen in Afrika kaum Möglichkeiten für eine nachhaltige Existenz.

Eine stärkere Verarbeitung von Kakao in den Produktionsländern könnte die Wertschöpfung vor Ort erhöhen und den Produzent:innen bessere Einkommenschancen bieten. Bislang profitieren sie kaum von den Nachhaltigkeitsversprechen, die an Konsument:innen in Europa gerichtet sind, was die Motivation zur Investition in nachhaltigere Anbaumethoden einschränkt.


Wissenschaftliche Kontaktperson

Prof. Dr. Johan Six
johan.six@usys.ethz.ch

Originalpublikation

Cammelli F, Six J, Garrett RD: False reporting undermines the integrity of supply chain sustainability initiatives, Science, 13. August 2026, doi: 10.1126/science.aea9565

Weiterführende Informationen

ETH Zürich – Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau