
Versorgungssicherheit dominiert EU-Rohstoffpolitik – Nachhaltigkeitsaspekte treten zurück
Mit Inkrafttreten des Critical Raw Materials Act (CRMA) im Jahr 2024 verfolgt die Europäische Union das Ziel, die Versorgung mit wichtigen metallischen Rohstoffen wie Lithium, Kobalt und seltenen Erden zu gewährleisten. Dabei setzt die EU verstärkt auf eine Verringerung der Abhängigkeit von Drittstaaten wie China, den Ausbau der heimischen Rohstoffförderung sowie auf Recyclingmaßnahmen. Eine aktuelle Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), veröffentlicht im Fachjournal Communications Earth & Environment, analysiert, wie das Ziel der Versorgungssicherheit zunehmend Vorrang vor Nachhaltigkeitsprinzipien erhält. Gleichzeitig werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie Nachhaltigkeitsaspekte im politischen Diskurs gestärkt werden können.
Hintergrund und Forschungsansatz
Die steigende Nachfrage nach kritischen Rohstoffen, ausgelöst durch technologische Entwicklungen insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien seit den 2000er Jahren, hat die EU zu politischen Gegenmaßnahmen veranlasst. Trotz der ökologischen und geopolitischen Risiken, die mit der Rohstoffnachfrage verbunden sind, liegt der Schwerpunkt der EU-Politik weiterhin auf der Sicherstellung der Rohstoffversorgung statt auf einer Reduktion des Verbrauchs.
Ein Forschungsteam des UFZ unter Leitung der Doktorandin Theresa Herdlitschka untersuchte hierzu über 180 öffentlich zugängliche Dokumente – darunter Strategie- und Positionspapiere, Pressemitteilungen sowie Faktenblätter – aus den Jahren 2000 bis 2024. Die Materialien stammten von Akteuren aus Politik, Industrie, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen. Mittels qualitativer Textanalyse wurden zentrale Narrative, Problemdefinitionen und Lösungsansätze identifiziert und kategorisiert, um deren Einfluss auf die politische Debatte zu rekonstruieren.
Ergebnisse der Analyse
- Zu Beginn der 2000er Jahre dominierte das Narrativ der „Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“ die Rohstoffpolitik.
- Mit der Finanzkrise 2007/2008 und dem Pariser Klimaabkommen 2015 gewann das Narrativ der EU als „Vorreiterin im globalen Umweltschutz“ an Bedeutung.
- Im Kontext der Corona-Pandemie, des Ukraine-Kriegs und der Energiekrise rückte das Narrativ der „Strategischen Autonomie“ in den Vordergrund, das eine stärkere Unabhängigkeit der EU in Schlüsselbereichen wie der Rohstoffversorgung fordert.
- Über alle Phasen hinweg blieb die Sicherung der Rohstoffversorgung das zentrale Leitmotiv.
- Ansätze zur Nachfragereduktion oder Suffizienz wurden systematisch marginalisiert, obwohl sie aus ökologischer Sicht notwendig wären.
- Andere Narrative, etwa die Kritik am Neo-Extraktivismus oder Forderungen nach Ressourcengerechtigkeit, spielten in der politischen Debatte nur eine untergeordnete Rolle.
- Nachhaltigkeitsaspekte fanden lediglich punktuell Eingang, beispielsweise in der EU-Batterieverordnung oder der Verordnung zu Konfliktmineralien.
Bedeutung von Narrativen für die Politikgestaltung
Nach Ansicht der Umweltpolitologin Prof. Dr. Sina Leipold, Mitautorin der Studie, prägen Narrative maßgeblich, welche politischen Maßnahmen als realistisch oder umsetzbar gelten. Sie beeinflussen, welche Themen auf die politische Agenda gelangen und wie Akteure in Debatten agieren. Die dominierenden Narrative wurden zunächst von der Industrie formuliert und später von politischen Entscheidungsträger:innen, etwa in der Europäischen Kommission, übernommen.
Wissenschaftliche Empfehlungen zur Reduktion des Rohstoffverbrauchs fanden im Verhandlungsprozess zum CRMA kaum Berücksichtigung. „Studien und Vorschläge zur Senkung des Rohstoffbedarfs wurden nur von einer kleinen Gruppe eingebracht und konnten sich politisch nicht durchsetzen“, erläutert Theresa Herdlitschka. Um wirksamer Einfluss zu nehmen, sei eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik erforderlich.
Ausblick und Handlungsempfehlungen
Angesichts der anhaltend steigenden Rohstoffnachfrage und der geopolitischen Herausforderungen könnten neue Narrative eine wichtige Rolle spielen, um nachhaltigere Wege zu fördern. Insbesondere das Konzept der Kreislaufwirtschaft sowie Diskussionen über Konflikte im Bergbau innerhalb der EU bieten Potenzial, alternative Erzählungen stärker sichtbar zu machen. Diese könnten sich auf lokale Lieferketten, Suffizienzprinzipien und gesellschaftliches Engagement stützen und damit die Rohstoffautonomie neu definieren.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Theresa Herdlitschka
UFZ-Department Umweltpolitik
theresa.herdlitschka@ufz.de
Prof. Dr. Sina Leipold
Leiterin des UFZ-Departments Umweltpolitik
sina.leipold@ufz.de
Quelle der Studie
Herdlitschka, T., Luo, A. & Leipold, S. (2026): Supply-security narratives have dominated EU raw materials policy, while demand reduction has been sidelined. Communications Earth & Environment, 7, 435. https://doi.org/10.1038/s43247-026-03593-x



