Umweltauswirkungen bewaffneter Konflikte auf Böden im Gazastreifen analysiert mit Open-Source-Satellitendaten

Umweltauswirkungen bewaffneter Konflikte auf Böden im Gazastreifen analysiert mit Open-Source-Satellitendaten

Auswirkungen des Gaza-Konflikts auf Vegetation und Bodenflächen

Eine Untersuchung der Freien Universität Bozen präsentiert eine Methode, die auf frei zugänglichen Daten und Open-Source-Software basiert und es ermöglicht, die Folgen bewaffneter Konflikte auf Böden auch in schwer zugänglichen Regionen zu erfassen.

Umweltfolgen bewaffneter Konflikte

Bewaffnete Auseinandersetzungen verursachen nicht nur menschliches Leid und zerstören Infrastruktur, sondern führen auch zu erheblichen Umweltschäden. Besonders betroffen sind Böden, deren Verschlechterung zentrale Ökosystemleistungen beeinträchtigt. Dazu zählen landwirtschaftliche Erträge, Klimaregulierung, Wasserqualität und der Erhalt der Biodiversität. Die Erfassung des Schadensausmaßes gestaltet sich in Konfliktgebieten häufig schwierig, da der Zugang zu den betroffenen Arealen oft eingeschränkt oder unmöglich ist.

Entwicklung einer satellitengestützten Analysemethode

Ein Forscherteam der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen hat eine neue Methode entwickelt, die Bodendegradation anhand von Satellitenbildern analysiert. Die Besonderheit liegt in der ausschließlichen Nutzung frei verfügbarer Daten und Open-Source-Werkzeuge, wodurch die Methode transparent, nachvollziehbar und reproduzierbar ist. Dies ermöglicht die Dokumentation von Umweltveränderungen auch in Gebieten ohne direkten Zugang.

Für die Analyse wurden Daten der europäischen Sentinel-2-Satelliten, die Plattform Google Earth Engine sowie der KI-basierte Datensatz Dynamic World zur Klassifikation der Bodenbedeckung verwendet. Der gesamte Arbeitsprozess ist auf GitHub veröffentlicht, was die Anwendung der Methode auf andere Konfliktregionen oder Gebiete mit Umweltdegradation erleichtert.

Fallstudie Gazastreifen

Zur Validierung der Methode untersuchten die Wissenschaftler die Bodenveränderungen im Gazastreifen im Zeitraum von September 2023 bis September 2025 und verglichen diese mit klimatisch ähnlichen Regionen in Israel. Die Auswertung der Satellitendaten zeigt signifikante Veränderungen:

  • Die Vegetationsflächen, darunter Acker- und Grasland, verringerten sich im Gazastreifen um 65 % von 5.941 auf 2.056 Hektar.
  • Die Fläche freiliegender Böden stieg um 351 % von 3.918 auf 17.663 Hektar.
  • Im Vergleich dazu veränderten sich die Vegetationsflächen in Israel nur um 4,5 % und die freiliegenden Böden um 3,4 %.

Diese Unterschiede deuten darauf hin, dass die beobachteten Veränderungen im Gazastreifen hauptsächlich auf die Auswirkungen des bewaffneten Konflikts zurückzuführen sind und nicht auf natürliche Umwelt- oder Klimaeinflüsse.

Langfristige ökologische Folgen

Die Studie verdeutlicht, dass bewaffnete Konflikte nachhaltige Schäden an Ökosystemen verursachen können. Die Degradation der Böden hält oft weit über das Ende der Kampfhandlungen hinaus an und kann über Jahrzehnte ökologische, gesundheitliche und gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Ähnliche Effekte wurden bereits in Konfliktregionen wie der Ukraine, Syrien, dem Jemen und dem Sudan dokumentiert.

Forschungskontext und Ausblick

Die Untersuchung ist Teil eines Forschungsschwerpunkts der Freien Universität Bozen, der sich mit dem Einsatz von Erdbeobachtungstechnologien zur Erfassung der Umweltauswirkungen bewaffneter Konflikte beschäftigt. Der Erstautor Michele Torresani war zuvor an der Entwicklung eines Frühwarnsystems beteiligt, das mithilfe von Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz kriegsbedingte Waldverluste in der Ukraine erkennt. Mit der aktuellen Studie wird dieser Ansatz auf die Analyse der Bodendegradation ausgeweitet und eine vollständig reproduzierbare Methode auf Basis frei verfügbarer Daten bereitgestellt.

Zitat der Studienleitung

„Wenn der Zugang zu einem Gebiet nicht möglich ist, besteht die Gefahr, dass Umweltschäden unentdeckt bleiben“, erläutert Luigimaria Borruso, Professor an der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen und Letztautor der Studie. „Unsere Arbeit stellt eine offene, transparente und reproduzierbare Methode bereit, mit der sich Umweltauswirkungen bewaffneter Konflikte allein anhand öffentlich zugänglicher Daten dokumentieren lassen. Der freie Zugang zu diesen Daten ist entscheidend für unabhängige, wissenschaftlich fundierte Bewertungen, die für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme unerlässlich sind.“

Publikation und Kontakt

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Progress in Physical Geography: Earth and Environment veröffentlicht.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:

Michele Torresani
E-Mail: michele.torresani@unibz.it
Telefon: +39 0471 017939

Originalpublikation:

Soil health in a conflict-affected area: An open-source Google Earth Engine framework to map land degradation in Gaza
https://doi.org/10.1177/03091333261461125