Weibliche Mornellregenpfeifer durchqueren Nordeuropa auf der Suche nach mehreren Partnern
02.09.2026, 09:43 Uhr
Kernaussagen
- Weibliche Mornellregenpfeifer legen innerhalb einer Brutsaison weite Strecken zurück, ähnlich wie es bisher nur bei Männchen bestimmter Arten bekannt war, bei denen die Weibchen die Aufzucht übernehmen.
- Im Durchschnitt besuchen die Weibchen drei verschiedene Standorte pro Saison, die bis zu rund 1.000 Kilometer voneinander entfernt liegen, was auf eine stärkere Vernetzung der Populationen hindeutet.
- Die Satellitenortung liefert Informationen über die Bewegungen, jedoch nicht über das Verhalten an den jeweiligen Orten, weshalb weitere Studien mit Verhaltensbeobachtungen notwendig sind.
Verbreitung und Verhalten der Mornellregenpfeifer
Ende Mai zeigen sich auf einem Hochplateau in Norwegen erste schneefreie Flächen, auf denen Mornellregenpfeifer, eine in Europa weit verbreitete Vogelart, brüten. Diese Vögel bevorzugen exponierte Bergkämme und arktische Tundren von Schottland bis nach Sibirien. Charakteristisch für die Art ist, dass das Weibchen größer und farbenprächtiger ist als das Männchen und die aktive Rolle bei der Balz übernimmt. Weibchen konkurrieren um Männchen, verlassen diese jedoch meist nach der Eiablage, während das Männchen die Brutpflege und Aufzucht der Küken allein übernimmt.
Untersuchung der Partnerwechsel mittels Satellitentechnik
Bislang war unklar, wohin die Weibchen nach der Eiablage ziehen. Da die Rückkehr in die Überwinterungsgebiete in Nordafrika zu früh wäre, vermuteten Wissenschaftler, dass die Weibchen weitere Paarungspartner suchen. Um diese Hypothese zu überprüfen, verfolgte ein internationales Forscherteam unter Leitung von Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz weibliche Mornellregenpfeifer mit solarbetriebenen Satellitensendern.
Ergebnisse der Studie
Die Untersuchung, veröffentlicht in den Proceedings of the Royal Society B, zeigt, dass weibliche Mornellregenpfeifer innerhalb einer Brutzeit mehrere Hundert Kilometer zwischen unterschiedlichen Brutplätzen zurücklegen können. Im Gegensatz zu den Männchen anderer Watvogelarten, bei denen die Weibchen die Aufzucht übernehmen, sind hier die Rollen vertauscht. Die Weibchen besuchen während der Brutzeit im Median drei verschiedene Standorte, wobei die Entfernung zwischen zwei Aufenthaltsorten bis zu 973 Kilometer betragen kann. Insgesamt wurden bis zu 1.343 Kilometer Distanz innerhalb einer Saison registriert.
Bewegungsmuster und Fortpflanzungsverhalten
Die Wanderungen folgen einem saisonalen Muster: Anfangs ziehen die Weibchen überwiegend nach Norden, vermutlich entlang der sich zurückziehenden Schneegrenze, um neue Brutgebiete zu finden. Später werden die Bewegungen kürzer und lokaler, möglicherweise um Männchen mit gescheiterten Brutversuchen zu finden. Die Aufenthaltsdauer am letzten Standort ist mit durchschnittlich 41 Tagen deutlich länger als an vorherigen Orten, was auf eine mögliche Brutpflege durch die Weibchen hindeutet. Einige Weibchen kehrten sogar zu bereits besuchten Standorten zurück.
Ausblick und offene Fragen
Die Ergebnisse legen nahe, dass lokale Populationen von Mornellregenpfeifern durch die Wanderungen der Weibchen stärker vernetzt sind als bisher angenommen. Um das Verhalten und den Fortpflanzungserfolg vollständig zu verstehen, sind kombinierte Studien aus Satellitenortung und Feldbeobachtungen erforderlich. Zudem soll die Ausrüstung weiterer Vögel mit Sendern in verschiedenen Regionen helfen, die Verbindungen zwischen Populationen besser zu erfassen.
Kontakt und Publikation
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Bart Kempenaers
Direktor, Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz
E-Mail: bart.kempenaers@bi.mpg.de
Originalpublikation:
Kempenaers, B., Santema, P., Cragnolini, M., Eberhart-Hertel, L., Krietsch, J., Kwon, E., Lislevand, T. (2026): Females of a socially polyandrous, sex-role reversed shorebird visit multiple breeding sites within a single season. Proceedings of the Royal Society B, online veröffentlicht am 02.09.2026.
Weitere Informationen:
Abteilung Ornithologie am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz




