
Häufigkeit von Sturmfluten hat sich seit 1900 vervielfacht
Eine aktuelle Untersuchung, veröffentlicht in Nature Climate Change, belegt, dass extreme Wasserstände und Sturmfluten an Küsten heute wesentlich häufiger auftreten als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Während ein sogenanntes Jahrhundertereignis um 1900 statistisch nur alle 100 Jahre zu erwarten war, wiederholt es sich gegenwärtig im globalen Mittel etwa alle acht Jahre. Dies entspricht einer Steigerung der Häufigkeit um den Faktor zwölf.
Definition und Bedeutung von Jahrhundertereignissen
Der Begriff „Jahrhundertereignis“ beschreibt eine statistische Wahrscheinlichkeit von einem Prozent pro Jahr für das Auftreten eines bestimmten Extremereignisses. Die Studie verdeutlicht, dass durch den Anstieg des Meeresspiegels diese vormals seltenen Wasserstände heute vielerorts deutlich häufiger beobachtet werden.
Menschlicher Einfluss als Hauptursache
Das Forschungsteam, dem unter anderem Prof. Ben Marzeion vom Institut für Geographie und dem MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen angehört, kombinierte Pegelaufzeichnungen mit Klimamodellsimulationen. Dadurch konnten sie die Anteile natürlicher Schwankungen, lokaler Landbewegungen sowie des anthropogenen Klimawandels differenzieren.
- Der menschliche Einfluss, insbesondere durch den Ausstoß von Kohlenstoff, hat die Häufigkeit von Sturmfluten seit den 1960er-Jahren etwa vervierfacht.
- Der durch den Menschen verursachte Meeresspiegelanstieg ist der dominierende Faktor für die Zunahme dieser Extremereignisse.
- Prof. Marzeion war für die Rekonstruktion des Beitrags schmelzender Gletscher zum Meeresspiegelanstieg verantwortlich.
Auswirkungen eines moderaten Meeresspiegelanstiegs
Seit 1900 ist der globale mittlere Meeresspiegel um rund 20 Zentimeter gestiegen. Dieser Anstieg hat erhebliche Auswirkungen auf die Ausgangslage für Sturmfluten, da diese von einem höheren Meeresspiegelniveau ausgehen. Bereits geringe Veränderungen können somit die Häufigkeit und Intensität von Extremwasserständen deutlich erhöhen.
Prof. Marzeion betont: „Viele unterschätzen die Bedeutung eines Anstiegs von 20 Zentimetern. Bei einer Sturmflut verschiebt sich dadurch nicht nur das Wasserstandsniveau, sondern die gesamte Ausgangsbedingung verändert sich.“
Relevanz für Küstenschutz und regionale Anpassungsstrategien
Obwohl die Studie eine globale Perspektive einnimmt und keine spezifische Gefährdungsanalyse für die deutsche Nordseeküste darstellt, sind die Ergebnisse auch für Norddeutschland von Bedeutung. Schon wenige Zentimeter Meeresspiegelanstieg können entscheidend sein für die Belastung der Küstenschutzinfrastruktur.
Die Erkenntnisse legen nahe, dass historische Erfahrungswerte für die Planung von Küstenschutzmaßnahmen nicht mehr zuverlässig sind. Eine frühzeitige und vorausschauende Anpassung ist daher notwendig.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Ben Marzeion
Klimageographie, Universität Bremen
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen
Telefon: 0421-218-67170
E-Mail: ben.marzeion@uni-bremen.de
Quellenangabe der Originalstudie
Sönke Dangendorf, Qiang Sun, Pravin Maduwantha, Thomas Wahl, Marta Marcos, Ben Marzeion, Aimée B. A. Slangen, Jerry X. Mitrovica:
„Human-driven sea-level rise has quadrupled the frequency of coastal sea-level extremes since 1900“
Nature Climate Change
DOI: 10.1038/s41558-026-02659-0
Weiterführende Informationen
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften
Bildbeschreibung
Die Norwegensee vor der norwegischen Küste. Ein Anstieg des mittleren Meeresspiegels um circa 20 Zentimeter führt dazu, dass Sturmfluten und extreme Wasserstände häufiger kritische Höhen erreichen.
Quelle: Ben Marzeion, Universität Bremen




