
Invasive Arten verursachen im Globalen Süden stärkere ökologische Schäden als bisher angenommen
Eine aktuelle Untersuchung, an der auch die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) beteiligt war, korrigiert frühere Einschätzungen zum Einfluss invasiver gebietsfremder Arten und liefert neue Erkenntnisse für internationale Umweltstrategien zur Eindämmung des Artensterbens.
Hintergrund und Problemstellung
Invasive Arten gelten als einer der Hauptfaktoren für den globalen Verlust der Biodiversität. Frühere Studien zeigten vor allem in Ländern des Globalen Nordens, wie Nordamerika und Europa, hohe Zahlen invasiver Arten und damit verbundene ökologische Schäden. Diese Daten waren jedoch durch einen sogenannten „Research Bias“ verzerrt, da in diesen Regionen deutlich mehr Forschung betrieben und dokumentiert wird als im Globalen Süden.
Neue Methodik zur Schadensbewertung
Das internationale Forscherteam um Prof. Dr. Hanno Seebens (JLU und Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung), Prof. tit. Dr. Sven Bacher (Universität Freiburg) und Prof. Dr. Petr Pyšek (Tschechische Akademie der Wissenschaften) entwickelte eine neuartige Bewertungsmethode. Anstatt ausschließlich die Anzahl invasiver Arten zu erfassen, wurde eine Kennzahl namens „durchschnittliche Schadensschwere“ eingeführt. Diese setzt die Anzahl schwerwiegender ökologischer Auswirkungen, wie etwa das lokale Aussterben heimischer Arten, ins Verhältnis zu allen gemeldeten ökologischen Effekten. Dadurch wird die Bewertung unabhängig von der Forschungsintensität der jeweiligen Länder.
Die Analyse basiert auf der umfassenden Datenbank „Global Impacts Dataset of Invasive Alien Species (GIDIAS)“, die über 22.000 dokumentierte Auswirkungen invasiver Arten in 172 Ländern enthält.
Ergebnisse: Höhere Schadensintensität im Globalen Süden
Die Studie zeigt, dass invasive Arten im Globalen Süden im Vergleich zum Globalen Norden deutlich gravierendere ökologische Schäden verursachen. Trotz der höheren Anzahl dokumentierter invasiver Arten im Globalen Norden ist die relative Schwere der Schäden in Ländern des Globalen Südens ausgeprägter. Prof. Seebens erläutert, dass invasive Arten, die in beiden Regionen vorkommen, im Globalen Süden um etwa 50 Prozent schwerwiegendere Folgen haben. Besonders betroffen sind Schwellenländer in Südamerika, Afrika und Asien, wo Invasionen häufig katastrophale ökologische Effekte nach sich ziehen.
Ursachen für die regionalen Unterschiede
- Hohe Wachstumsraten und intensiver globaler Handel in Schwellenländern fördern die Einschleppung invasiver Arten.
- Unzureichende staatliche Strukturen, höhere Korruptionsraten und begrenzte Kapazitäten im Management biologischer Invasionen erschweren die Bekämpfung.
- Im Globalen Norden verhindert ein effektives Ökosystemmanagement größere Schäden, obwohl viele invasive Arten vorhanden sind.
Prof. Bacher betont, dass das wirtschaftliche Wachstum der Schwellenländer zwar die Verbreitung invasiver Arten beschleunigt, die institutionellen Reaktionsmöglichkeiten jedoch oft nicht Schritt halten. Statistische Modelle der Studie belegen, dass eine gute Regierungsführung und proaktives Management die Auswirkungen biologischer Invasionen signifikant reduzieren können.
Implikationen für die Umweltpolitik
Die Erkenntnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit einer verstärkten internationalen Zusammenarbeit und den Ausbau effektiver Managementstrukturen, insbesondere in Ländern des Globalen Südens. Präventive Maßnahmen gelten als der wirkungsvollste Ansatz zur Minimierung der Schäden durch invasive Arten. Die Forscher fordern, die bestehende Lücke im Umgang mit invasiven Arten zwischen Globalem Norden und Süden zu schließen und die Regionen mit der höchsten Biodiversität nicht weiter zu benachteiligen.
Prof. Seebens weist darauf hin, dass es nicht ausreiche, nur die Ausbreitung invasiver Arten global zu überwachen. Vielmehr müsse verhindert werden, dass die ökologischen Schäden in den besonders betroffenen Gebieten des Globalen Südens irreversibel werden.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Hanno Seebens
Institut für Bioinformatik und Systembiologie
Telefon: 0641 99-35726
E-Mail: hanno.seebens@uni-giessen.de
Publikation
Sven Bacher et al.: Invasive species’ environmental impacts are more severe in the Global South. Science 393, 376–380 (2026)
https://doi.org/10.1126/science.aed0603



