
Soziale Vererbung von Privilegien erklärt erhöhte Konkurrenzfähigkeit weiblicher Tüpfelhyänen
Innerhalb der Säugetierwelt sind Männchen in der Regel physisch überlegen und zeigen eine stärkere Konkurrenzbereitschaft als Weibchen. Gleichzeitig ist die Variation im Fortpflanzungserfolg – also die Anzahl der gezeugten Nachkommen – bei Männchen meist ausgeprägter. Bei Tüpfelhyänen hingegen zeigt sich ein gegensätzliches Bild: Weibchen weisen eine höhere Ungleichheit im Fortpflanzungserfolg auf als Männchen. Diese Differenz lässt sich durch die Weitergabe sozialer Privilegien, wie bevorzugten Zugang zu Ressourcen, von Mutter zu Tochter erklären. Diese Erkenntnis basiert auf einer umfassenden Untersuchung von acht Generationen aus acht Hyänenclans im Ngorongoro-Krater, Tansania.
Untersuchung und Ergebnisse
Die Studie wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und dem Institut des Sciences de l’Évolution de Montpellier (ISEM) durchgeführt und in „Science Advances“ veröffentlicht. Sie liefert eine mögliche Erklärung dafür, warum Weibchen bei bestimmten Tierarten dominanter und wettbewerbsfähiger sind.
Im Tierreich ist die Fortpflanzungserfolg-Ungleichheit nicht gleich verteilt. Bei den meisten Säugetieren produzieren Männchen viele kleine, bewegliche Spermien, während Weibchen wenige, aber nährstoffreiche Eizellen bilden. Zudem tragen Weibchen die physiologischen Belastungen von Schwangerschaft und Säugezeit, was sie bei der Partnerwahl selektiver macht. Dies führt zu einer intensiven Konkurrenz unter Männchen um Paarungspartnerinnen, während Weibchen in der Regel in die Aufzucht der Nachkommen investieren. Dieses als Darwin-Bateman-Prinzip bekannte Muster wurde in zahlreichen Säugetierarten bestätigt.
Langfristige Betrachtung über Generationen
Das Ngorongoro-Hyänenprojekt analysierte die Stammbäume von über 2.700 individuell bekannten Tüpfelhyänen über 29 Jahre und acht Generationen. Die Berechnung des sogenannten „reproductive skew“ zeigte zunächst, dass Männchen eine größere Varianz im Fortpflanzungserfolg aufwiesen, was dem üblichen Muster entspricht. Erst bei Einbeziehung von Enkel- und Urenkelgenerationen wurde deutlich, dass die Ungleichheit bei Weibchen deutlich zunimmt.
- Hochrangige Weibchen bringen mehr Nachkommen zur Welt als niedrig rangige.
- Diese Unterschiede verstärken sich über mehrere Generationen.
- Nach sechs Generationen lassen sich nahezu alle Individuen auf eine Alpha-Weibchen-Linie zurückführen.
- Im Gegensatz dazu ist die väterliche Linie weniger ausgeprägt und verliert an Einfluss über die Generationen.
Dadurch verschiebt sich die Fortpflanzungsungleichheit langfristig zugunsten der Weibchen.
Soziale Hierarchie und ihre Auswirkungen
Die Dominanzstruktur der Tüpfelhyänenclans ist streng hierarchisch, wobei Alpha-Weibchen an der Spitze stehen. Der soziale Rang wird mütterlich vererbt, was den Nachkommen Vorteile wie bevorzugten Zugang zu Nahrung, schnelleres Wachstum und höhere Überlebenschancen verschafft. Hochrangige Weibchen beginnen früher mit der Fortpflanzung, haben kürzere Geburtenabstände und eine längere Lebenserwartung.
Männliche Hyänen verlassen ihren Geburtsclan meist nach Erreichen der Geschlechtsreife und verlieren dadurch ihren mütterlichen Rang. Somit können sie soziale Privilegien nicht dauerhaft in reproduktiven Erfolg umsetzen, der sich über Generationen erstreckt.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Die Ergebnisse zeigen, dass die Betrachtung von Fortpflanzungserfolg über mehrere Generationen notwendig ist, um die tatsächlichen Geschlechterunterschiede zu erfassen. Während kurzfristig Männchen dominieren, sind es langfristig die weiblichen Linien, die durch soziale Vererbung eine größere Ungleichheit und Konkurrenzfähigkeit aufweisen.
Ähnliche Muster sozial vererbter Fortpflanzungsvorteile wurden auch bei anderen Tierarten beobachtet, etwa bei Seepferdchen und Erdmännchen. Die Studie eröffnet einen weiteren Erklärungsansatz für die Evolution von Geschlechterrollen und sozialen Strukturen in der Tierwelt.
Wissenschaftliche Ansprechpartner
- Marta Mosna
Doktorandin, Abteilung Evolutionäre Ökologie, Leibniz-IZW
E-Mail: marta.mosna@evobio.eu - Dr. Oliver Höner
Wissenschaftler, Abteilung Evolutionäre Ökologie, Leibniz-IZW
Telefon: +49 30 5168 516
E-Mail: hoener@izw-berlin.de - Dr. Alexandre Courtiol
Wissenschaftler, Abteilung Evolutionsgenetik, Leibniz-IZW
Telefon: +49 30 5168 331
E-Mail: courtiol@izw-berlin.de - Dr. Eve Davidian
Postdoctoral Fellow, Institut des Sciences de l’Évolution de Montpellier (ISEM)
E-Mail: davidian.ceve@gmail.com
Originalpublikation
Mosna M, Courtiol A, Naman P, Höner OP, Davidian E (2026): The legacy of privilege: Social inheritance reverses sex differences in reproductive inequality in the spotted hyena. Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.aee7880
Weitere Informationen und Bildmaterial
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Quelle: Oliver Höner / Leibniz-IZW




