
Klimawandel beeinflusst Beuteverfügbarkeit – Anpassungsstrategien der Serengeti-Hyänen
Der Klimawandel führt zu Veränderungen in den Lebensräumen zahlreicher Tierarten und beeinflusst dadurch deren Wanderbewegungen. Insbesondere wandernde Pflanzenfresser verbringen zunehmend weniger Zeit in den Revieren ihrer natürlichen Feinde, was erhebliche Auswirkungen auf Raubtiere hat, die auf diese Beutetiere angewiesen sind. Eine Langzeituntersuchung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern zeigt, dass Tüpfelhyänen in der Serengeti eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an die veränderten Wanderungsmuster ihrer Beutetiere aufweisen.
Rückgang der Beutepräsenz und stabile Hyänenpopulationen
Die Hauptnahrungsquelle der Tüpfelhyänen, das Streifengnu (Connochaetes taurinus), hält sich heute deutlich kürzer in den Hyänenrevieren auf als noch vor drei Jahrzehnten. Trotz dieser Abnahme bleibt die Population der Hyänen in der Serengeti weitgehend stabil. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten auf umfangreiche Daten aus über 30 Jahren zurückgreifen, die mehrere Generationen von Hyänen umfassen. Ziel der Studie war es, die Auswirkungen klimabedingter Veränderungen in der Beuteverfügbarkeit auf Jagdverhalten und Populationsentwicklung im Serengeti-Nationalpark in Tansania zu analysieren.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Niederschlagsmengen in der Region erhöht, was vermutlich die Wanderbewegungen großer Pflanzenfresser beeinflusst. So verbringen die großen Gnu-Herden inzwischen weniger Zeit in den zentralen Reviergebieten der Hyänen. Während zwischen 1990 und 1994 noch etwa 12 % des Jahres innerhalb der Clan-Reviere verbracht wurden, sank dieser Anteil zwischen 2015 und 2019 auf rund 7 %.
Anpassungsmechanismen der Hyänen an veränderte Beutemuster
Mit der abnehmenden Präsenz wandernder Beutetiere verringerte sich auch die Anzahl der beobachteten Fütterungsereignisse. Dennoch ernähren sich die Hyänen weiterhin überwiegend von wandernden Arten und legen dafür weite Strecken zurück. Ansässige Beutetiere sind zwar gelegentlich Teil der Nahrung, kommen jedoch in zu geringer Dichte vor, um den Nahrungsbedarf ganzer Clans zu decken.
Dr. Mellina Sidous, Hauptautorin der Studie, erläutert: „Tüpfelhyänen sind sogenannte ‚Central-Place-Forager‘. Sie gleichen saisonale Schwankungen in der Beuteverfügbarkeit aus, indem sie zwischen ihrem Clan-Revier und den Gebieten mit wandernden Pflanzenfressern pendeln. Besonders Weibchen mit Jungtieren unternehmen diese weiten Strecken, da die Welpen im Bau verbleiben und nicht mitziehen können.“ Die Nahrungssuche kann bis zu einer Woche dauern und Entfernungen von bis zu 150 Kilometern umfassen. Die Welpen sind in der Lage, mehrere Tage ohne Muttermilch auszukommen.
Robuste Populationen trotz abnehmender Beuteverfügbarkeit
Obwohl die Jagdmöglichkeiten innerhalb der Reviere abnahmen, verzeichneten zwei der drei untersuchten Hyänenclans im Untersuchungszeitraum sogar ein Wachstum. Die leitenden Autorinnen Dr. Sarah Benhaiem und Dr. Sarah Cubaynes vom Leibniz-IZW und CEFE betonen, dass die Verhaltensflexibilität der Hyänen offenbar eine Kompensation der reduzierten lokalen Beuteverfügbarkeit ermöglicht. Dr. Sonja Metzger ergänzt, dass diese Anpassungsfähigkeit entscheidend für die Aufrechterhaltung der Populationen ist.
Darüber hinaus könnten weitere Faktoren wie eine Zunahme der wandernden Huftierbestände im gesamten Serengeti-Ökosystem oder eine geringere Sterblichkeit der Hyänen durch Krankheiten, Löwen oder Wilderei zur positiven Entwicklung der Clans beitragen. Zukünftige Studien sollen klären, welche Mechanismen dabei eine wesentliche Rolle spielen.
Zusätzlich zu klimatischen Veränderungen könnten auch menschliche Einflüsse eine Rolle spielen. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Glasgow zeigt, dass Gnu-Herden stark frequentierte Gebiete in der zentralen Serengeti meiden, was auf Störungen durch menschliche Aktivitäten wie Tourismus hindeutet und möglicherweise zur Umverteilung der Beutetiere beiträgt.
Bedeutung der Forschungsergebnisse
Die gewonnenen Erkenntnisse liefern wichtige Einblicke in die Reaktionsfähigkeit großer Raubtiere auf veränderte Umweltbedingungen. Angesichts globaler Klimaveränderungen und der damit verbundenen Verschiebungen in den Wanderbewegungen vieler Tierarten ist das Verständnis dieser Anpassungsprozesse von großer Relevanz für den Erhalt der Raubtierpopulationen weltweit.
Kontaktinformationen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
- Dr. Sarah Benhaiem
Abteilung Ökologische Dynamik
Telefon: +49(0)30 5168-345
E-Mail: benhaiem@izw-berlin.de - Sonja Metzger
Feldkoordinatorin Serengeti-Hyänen Projekt
Abteilung Ökologische Dynamik
Telefon: +49(0)30 5168-337
E-Mail: metzger@izw-berlin.de - Dr. Mellina Sidous
Wissenschaftlerin
E-Mail: mellina.sidous@gmail.com - Dr. Sarah Cubaynes
Wissenschaftlerin
Telefon: +33 0467613307
E-Mail: sarah.cubaynes@cefe.cnrs.fr
Originalpublikation
Sidous M, Gicquel M, Metzger S, East ML, Hofer H, Nyahongo JW, Benhaiem S, Cubaynes S (2026): How did spotted hyaenas respond to decreased prey availability in their clan territories over the last decades? ECOSPHERE 17 (10), DOI: 10.1002/ecs2.70800
Weiterführende Informationen
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