
Verlust genetischer Vielfalt: Eine unterschätzte Gefahr für Arten
Die genetische Vielfalt spielt eine zentrale Rolle für das Überleben von Arten, da sie deren Anpassungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und langfristige Stabilität fördert. Ein internationales Forscherteam hat eine neue Methode entwickelt, um genetisch differenzierte Populationen innerhalb einer Art präziser zu identifizieren. Diese Herangehensweise soll künftig die Bewertung von Aussterberisiken verbessern und das Potenzial für Wiederansiedlungen genauer einschätzen. Ziel ist es, den Rückgang genetischer Vielfalt zu minimieren, indem genetisch einzigartige Populationen gezielt geschützt werden.
Aktuelle Herausforderungen bei der Bewertung von Aussterberisiken
Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) erstellt mit ihrer Roten Liste bedrohter Arten den globalen Standard zur Einschätzung des Aussterberisikos. Diese Bewertungen beeinflussen maßgeblich die Priorisierung von Naturschutzmaßnahmen und deren Umsetzung. Prof. Dr. Deborah Leigh vom Senckenberg Forschungsinstitut und der Goethe-Universität Frankfurt weist darauf hin, dass genetische Vielfalt trotz ihrer Bedeutung bislang selten in diesen Bewertungen berücksichtigt wird. Hauptgründe hierfür sind die begrenzte Verfügbarkeit genetischer und genomischer Daten sowie das Fehlen standardisierter Verfahren zur Integration dieser Informationen.
Derzeit basieren die Bewertungen vorwiegend auf demografischen Trends und Habitatverlusten und beziehen sich meist auf die Art als Ganzes. Genetisch differenzierte Einheiten innerhalb einer Art, wie Subpopulationen oder evolutionär bedeutsame Einheiten (Evolutionarily Significant Units, ESUs), werden häufig nicht systematisch erfasst. Dadurch bleiben entscheidende Biodiversitätsaspekte, insbesondere genetische Unterschiede, die für Anpassungsfähigkeit und Stabilität wichtig sind, unberücksichtigt.
Fokus auf genetisch differenzierte Einheiten innerhalb von Arten
Leigh und ihr internationales Team aus Australien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Rumänien, Spanien, Südafrika und den USA schlagen vor, bei der Bewertung von Arten verstärkt auf genetisch differenzierte Einheiten zu achten. ESUs sind dabei Abstammungslinien innerhalb einer Art, zwischen denen nur ein sehr geringer genetischer Austausch stattfindet. Diese Einheiten entwickeln sich weitgehend unabhängig und weisen oft einzigartige lokale Anpassungen auf, die in anderen Populationen nicht vorkommen.
Die gezielte Identifikation und Bewertung solcher Einheiten kann dazu beitragen, den Verlust genetischer Vielfalt zu verlangsamen. Naturschutzverantwortliche sollen dadurch in die Lage versetzt werden, besonders gefährdete genetische Einheiten zu erkennen und spezifische Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Dieser Ansatz ermöglicht eine effektivere Nutzung vorhandener Daten und reduziert die Abhängigkeit von kostenintensiven genetischen Analysen.
Beispiel Alpensteinbock: Erholung ohne genetische Vielfalt
Auch in der neueren Green-Status-Bewertung der IUCN, die sich mit der Erholung von Arten beschäftigt, wird genetische Vielfalt kaum berücksichtigt. So erhielt der Alpensteinbock (Capra ibex) trotz eines starken Populationsanstiegs hohe Erholungsbewertungen, obwohl ein erheblicher Teil seiner genetischen Vielfalt dauerhaft verloren ging. Im 19. Jahrhundert war die Art durch intensive Bejagung fast ausgestorben; die heutigen über 40.000 Tiere stammen von weniger als 100 Individuen in Norditalien ab. Dies führte zu einer stark eingeschränkten genetischen Diversität und erhöhten Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und Umweltveränderungen. Die ursprüngliche genetische Vielfalt kann innerhalb kurzer Zeit nicht wiederhergestellt werden, sollte jedoch bei Erholungsbewertungen und Managementplänen berücksichtigt werden.
Ein neuer, standardisierter Ansatz zur Identifikation genetischer Einheiten
Das Forschungsteam präsentiert einen standardisierten Rahmen, der die Identifikation von Subpopulationen und ESUs ermöglicht. Dieser Ansatz integriert verschiedene Datenquellen, darunter klassische genetische Analysen, geografische Verbreitung, ökologische Merkmale sowie traditionelles und indigenes Wissen. Ziel ist es, die unterschiedlichen verfügbaren Datenquellen zu nutzen und gleichzeitig einheitliche Standards für Naturschutzmanager weltweit bereitzustellen. Derzeit wird das Konzept umfassend getestet, um es in zukünftige Artenschutzbewertungen, insbesondere hinsichtlich Aussterberisiko und Wiederherstellungspotenzial, zu integrieren.
Internationale Ziele und Bedeutung für den Naturschutz
Im Rahmen des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, das 2022 auf der UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt von fast 200 Ländern verabschiedet wurde, wurden neue Ziele zur genetischen Vielfalt definiert. Die Forscher hoffen, mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele zu leisten. Die genetische Vielfalt ist ein wesentlicher Faktor für die Fitness, Anpassungsfähigkeit und Resistenz von Arten gegenüber Umweltveränderungen und Krankheiten. Eine stärkere Einbindung genetischer Aspekte in Naturschutzprogramme ist notwendig, um den weltweiten Verlust der Biodiversität zu stoppen, Schutzmaßnahmen gezielter zu planen und Ressourcen effizienter einzusetzen.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Deborah Leigh
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Telefon: 069 7542 1409
E-Mail: deborah.leigh@senckenberg.de
Originalpublikation
Julia C. Geue et al., „A practical framework for identifying genetic subpopulations and ESUs: Insights for IUCN assessments and broader management“, BioScience, 2026, biag042.
https://doi.org/10.1093/biosci/biag042




