
Hyänen und ihre Beutetiere im Ngorongoro-Krater: Geringe Bedrohung für Nutztiere und Nashörner
Die Frage, welche Tierarten von Raubtieren konsumiert werden, ist für den Artenschutz sowie das Management von Mensch-Wildtier-Konflikten von zentraler Bedeutung. Wissenschaftler des Ngorongoro-Hyänen-Projekts am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) haben anhand von DNA-Analysen von über 500 Kotproben, die über einen Zeitraum von 24 Jahren im Ngorongoro-Krater in Tansania gesammelt wurden, die Ernährung der Tüpfelhyänen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Hyänen nur selten Nutztiere fressen und praktisch nie Nashörner angreifen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Wildlife Biology“ veröffentlicht.
Langzeitforschung am Ngorongoro-Hyänen-Projekt
Seit 30 Jahren erforscht das Ngorongoro-Hyänen-Projekt das Verhalten, die Gesundheit und Ökologie der Tüpfelhyänen sowie deren Wechselwirkungen mit anderen Tierarten und Menschen. Die Untersuchungen begannen im April 1996 in enger Kooperation mit lokalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das Projekt am Leibniz-IZW in Berlin verfügt über einen der weltweit umfangreichsten Langzeitdatensätze zu einer wildlebenden Säugetierpopulation. Alle Tüpfelhyänen der acht Clans im Krater sind seit Beginn bekannt, mit detaillierten Lebensdaten von mehr als 3300 Individuen und einem genetischen Stammbaum, der zehn Generationen umfasst.
Die Forschung umfasst unter anderem Aspekte wie Sozialverhalten, Geschlechterkonflikte, Partnerwahl, Krankheitsauswirkungen, Interaktionen mit Nahrungskonkurrenten und Raubfeinden sowie die Beziehung zwischen Hyänen und Menschen.
Ernährungsanalyse: Nutztiere und Nashörner kaum betroffen
Zwischen 1996 und 2019 wurden über 500 Kotproben von Tüpfelhyänen gesammelt und mittels Metabarcoding, einer DNA-Analyse-Technik zur Identifikation verschiedener Arten in komplexen Proben, ausgewertet. Von 371 Proben konnten insgesamt 434 Nachweise von 20 verschiedenen Beutetierarten erbracht werden.
- Gnus waren mit 229 Nachweisen die am häufigsten identifizierte Beute.
- Zebras wurden 75-mal nachgewiesen, Büffel 57-mal.
- Von den Nutztieren wurde am häufigsten Esel-DNA (7 Nachweise) gefunden, Rinder (6) und Ziegen (2) waren deutlich seltener vertreten.
- Insgesamt entfielen nur 4,1 % der Nachweise auf Nutztiere.
- DNA von Spitzmaulnashörnern wurde in keiner Probe nachgewiesen.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Tüpfelhyänen im Beutespektrum des nahrungsreichen Ngorongoro-Ökosystems kaum Einfluss auf die Populationen der besonders geschützten Spitzmaulnashörner haben und Nutztiere nur sehr selten erbeuten. Die Zahl der Nutztiere in der Ngorongoro Conservation Area ist in den letzten Jahrzehnten auf über 200.000 Rinder, Ziegen und Schafe angestiegen, dennoch bleiben sie kaum Beute der Hyänen.
Einfluss von Alter, Sozialstatus und Geschlecht auf die Ernährung
Die umfangreichen Daten erlaubten zudem die Untersuchung, ob Alter, sozialer Rang oder Geschlecht die Nahrungswahl beeinflussen. Dabei zeigte sich, dass Hyänen, deren Kot DNA von Nutztieren enthielt, im Durchschnitt fast drei Jahre älter waren als jene, die ausschließlich Wildtiere fraßen (9,1 vs. 6,2 Jahre). Sozialer Status und Geschlecht hatten keinen signifikanten Einfluss.
Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Hyäne Nutztiere frisst, um etwa 27 % pro Lebensjahr. Eine mögliche Erklärung ist, dass ältere Hyänen weniger erfolgreich bei der Jagd auf schnelle Wildtiere sind und daher auf leichter zu erbeutende Nutztiere ausweichen. Trotz dieser Beobachtung bevorzugen Hyänen im Ngorongoro-Krater überwiegend wilde Huftiere.
Drei Jahrzehnte Forschung und Erkenntnisse
Seit 30 Jahren begleitet das Forschungsteam die Tüpfelhyänen im UNESCO-Welterbe Ngorongoro-Krater. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Generationen von Hyänen beobachtet und deren Verhalten dokumentiert. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen sowohl zur Grundlagenforschung als auch zur angewandten Wildtierforschung bei und unterstützen Maßnahmen zum Schutz der Hyänen sowie zur Erhaltung eines gesunden Ökosystems.
Kontaktinformationen der Wissenschaftler
Dr. Oliver Höner
Abteilung für Evolutionäre Ökologie
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Telefon: +49 30 5168 516
E-Mail: hoener@izw-berlin.de
Dr. Eve Davidian
Postdoctoral fellow, French National Centre for Scientific Research (CNRS)
Institut des Sciences de l’Évolution de Montpellier (ISEM), Université de Montpellier
E-Mail: claire-eve.davidian@umontpellier.fr
Literaturhinweis
Dheer A, Danabalan R, Pellizzone A, Naman P, Davidian E, Mazzoni CJ, Höner OP (2026): Minimal impact of spotted hyenas on livestock and endangered species in a prey-rich ecosystem. Wildlife Biology e01569. DOI: 10.1002/wlb3.01569




