Tierwohl in der ökologischen Landwirtschaft Forschung und Praxis am Campus Weihenstephan

Tierwohl in der ökologischen Landwirtschaft Forschung und Praxis am Campus Weihenstephan

Tierwohl im Wandel der Perspektiven – Forschungsbeitrag zum Welttag der Nutztiere am 2. Oktober

Am Campus Weihenstephan der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) beschäftigen sich Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler und Dr. Theresa Hautzinger von der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Tierwohl. In verschiedenen Forschungsprojekten werden neue Ansätze zur Kälberaufzucht untersucht, Methoden zur Bewertung des Tierwohls entwickelt sowie Möglichkeiten erforscht, ökologische und ökonomische Anforderungen miteinander zu vereinen.

Neuausrichtung in der Nutztierforschung: Was benötigen Tiere wirklich?

Ein neugeborenes Kalb steht im frühen Morgenlicht unsicher neben seiner Mutter im Stroh, die Kuh leckt ruhig das Fell ihres Nachwuchses – ein alltäglicher, oft unbeachteter Moment mit großer Bedeutung. Dieser Augenblick stellt den Ausgangspunkt für eine zentrale Fragestellung moderner Forschung dar: Welche Bedingungen sind notwendig, damit Nutztiere ein artgerechtes und gutes Leben führen können?

Früher konzentrierte sich die Forschung vor allem auf Gesundheit, Fütterung und Leistungsfähigkeit der Tiere. Mittlerweile rückt das Sozialverhalten, die Bindung zwischen Tieren, die Haltungsumgebung sowie die Gestaltung landwirtschaftlicher Systeme stärker in den Fokus. Tierwohl wird heute als komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren verstanden und nicht mehr nur als ein Zustand.

Dr. Theresa Hautzinger erklärt: „Tierwohl umfasst mehr als die messbaren Parameter der Tiergesundheit. Ein Beispiel ist die kuhgebundene Kälberaufzucht: Während die Gesundheit der Kälber in konventionellen Systemen mit Tränkeeimern oder Automaten gut gewährleistet werden kann, ermöglicht nur die kuhgebundene Aufzucht das natürliche Säuge- und Sozialverhalten von Kuh und Kalb. Dabei ist es für Landwirtinnen und Landwirte entscheidend, eine optimale Versorgung mit Kolostrum und Milch sicherzustellen, was in diesen Systemen deutlich anspruchsvoller ist. Tiergesundheit und Tierwohl müssen daher Hand in Hand gehen.“

Forschungsprojekte zur Weiterentwicklung des Tierwohls

Integration von Tierwohl in ökologische Wertschöpfungsketten: Das Projekt „mehrWERT Öko-Milch + Fleisch“

Der Griff zu Biomilch im Supermarkt ist häufig mit Erwartungen an mehr Platz, Weidegang und regionale Kreisläufe verbunden. Trotz dieser positiven Aspekte stellen sich in komplexen ökologischen Systemen Herausforderungen, die nicht kurzfristig lösbar sind. Insbesondere die Einbindung von Kälbern, vor allem männlichen Tieren, in regionale Wertschöpfungsketten gewinnt an Bedeutung.

Im Projekt „Kälber der ökologischen Milchviehhaltung in Bayern – Status-Quo-Analyse und Marktpotenziale der kuhgebundenen Kälberaufzucht (KK) sowie der ökologischen Rindermast“ wurde Tierwohl als integraler Bestandteil eines größeren Systems betrachtet. Neben Vermarktungswegen und betrieblichen Herausforderungen wurde die kuhgebundene Kälberaufzucht untersucht, bei der Kuh und Kalb länger zusammenbleiben und ihre natürliche Bindung ausleben können. Für Betriebe bedeutet dies jedoch nicht nur eine Anpassung der Stallhaltung, sondern auch veränderte Arbeitsabläufe, Managemententscheidungen und neue Vermarktungsstrategien. Das Projekt verdeutlicht, dass Tierwohl nachhaltige Strukturen erfordert, die tiergerechte Lösungen langfristig ermöglichen.

Entwicklung von Indikatoren für Tierwohl: Das Projekt „KuKIndiTM“

Die Frage, wie das Wohlbefinden eines Kalbes erkennbar gemacht werden kann, zählt zu den zentralen Herausforderungen der Tierwohlforschung. Da Tiere ihr Befinden nicht verbal ausdrücken können, sind alternative Methoden notwendig. Im Verbundprojekt „Kuhgebundene Kälberaufzucht auf Milchviehbetrieben in Süddeutschland – Entwicklung von Indikatoren zur Bewertung von Tierwohl und Milchmengen“ (KuKIndiTM) wurden wissenschaftlich fundierte Indikatoren erarbeitet.

Die Forschenden dokumentierten Sozialkontakte zwischen Kuh und Kalb, analysierten Aktivitätsmuster und verknüpften klassische Beobachtungen mit modernen Sensortechnologien. Diese kombinierten Daten ermöglichen ein umfassendes Bild des Tierwohls, das nicht auf einzelne Messwerte reduziert werden kann. Das Projekt illustriert den interdisziplinären Ansatz, der zunehmend die Agrarwissenschaften prägt, indem es das Verständnis für die Wahrnehmung der Tiere und ihre Bedürfnisse vertieft.

Hinweis zur kuhgebundenen Aufzucht: Bei diesem Verfahren verbleiben Kuh und Kalb nach der Geburt mindestens 90 Tage zusammen, wobei das Kalb direkt bei der Mutter oder einer Ammenkuh trinkt. Diese Methode gilt als besonders tiergerecht, bringt jedoch organisatorische und wirtschaftliche Herausforderungen für die Betriebe mit sich.

Nachhaltige landwirtschaftliche Systeme: Das Projekt „OptiBioRind“

Die Diskussion um Tierwohl führt zur Frage, wie landwirtschaftliche Systeme und Wertschöpfungsketten gestaltet sein müssen, um Tierwohl dauerhaft zu gewährleisten. Das Projekt „Zukunftsperspektiven für eine nachhaltige Öko-Rindfleischproduktion auf bayerischen Grünlandstandorten“ (OptiBioRind) widmet sich nachhaltigen Konzepten für die ökologische Rindermast, die sowohl den Bedürfnissen der Tiere als auch den betrieblichen Anforderungen im Strukturwandel gerecht werden.

Ein Schwerpunkt liegt auf Grünlandregionen, die für Biodiversität, Wasserhaushalt, Kulturlandschaft und wiederkäuergerechte Fütterung eine bedeutende Rolle spielen. Auch in ökologischen Ackerbaubetrieben können Rinder durch die Verwertung von anfallendem Ackergrünland wie Kleegras oder Nebenprodukten zur Schließung regionaler Kreisläufe beitragen. Das Projekt untersucht, welche Ansätze unter verschiedenen regionalen und betrieblichen Bedingungen funktionieren und wie Tierwohl, Ressourceneffizienz und Wirtschaftlichkeit miteinander verknüpft werden können, um zukunftsfähige Systeme zu entwickeln.

Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler fasst zusammen: „Aus tierärztlicher Sicht sind Haltungssysteme erfolgreich, die den Tieren Gesundheit und die Auslebung ihres natürlichen Verhaltens ermöglichen. Mit dem Projekt wollen wir aufzeigen, wie regionale Wertschöpfung, Grünlandnutzung und ein hohes Maß an Tierwohl miteinander verbunden werden können.“

Neudefinition von Tierwohl

Die vorgestellten Projekte beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten, eint sie jedoch die Erkenntnis, dass Tierwohl nicht auf einzelne Parameter wie Stallgröße oder Gesundheitsdaten reduzierbar ist. Es entsteht aus den Beziehungen zwischen Kuh und Kalb, Tier und Umwelt sowie landwirtschaftlicher Praxis und gesellschaftlichen Erwartungen.

Für Nachwuchswissenschaftler eröffnet sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das Biologie, Ethologie, Agrarwissenschaften, Datenanalyse, Ökonomie und Nachhaltigkeitsforschung verbindet. Die Fragestellung nach dem Wohlbefinden der Tiere wird zunehmend zur Frage, wie Landwirtschaft insgesamt gestaltet werden soll und wie Betriebe auf diesem Weg unterstützt werden können. Die Antworten entstehen nicht im Labor, sondern dort, wo Forschung und Praxis zusammenkommen – im Stall, auf der Weide und in den landwirtschaftlichen Betrieben.

Wissenschaftlicher Hintergrund von Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler

Seit 2016 leitet Prof. Dr. Dr. Eva Zeiler die Professur „Tierproduktionssysteme in der ökologischen Landwirtschaft“ an der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme der HSWT. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die ökologische Milchviehfütterung und -haltung mit Fokus auf Tiergesundheit, Grundlagen der ökologischen Schweine- und Geflügelhaltung sowie die ökologische Tierzucht.

In der praxisorientierten Lehre vermittelt sie unter anderem Kenntnisse zur ökologischen Wiederkäuerhaltung, alternativen Haltungssystemen und sicherem Umgang mit Rindern. Als zertifizierte Cow-Signal-Trainerin ergänzt sie ihre Lehrtätigkeit durch praktische Übungen auf landwirtschaftlichen Betrieben.

Aktuelle Forschungsfelder umfassen die ökologische Kälberhaltung, die ökologische Wertschöpfungskette von Rindfleisch, Brandschutz in der Rinderhaltung, sicheren Umgang mit Rindern sowie Biosicherheit in ökologischen Schweine- und Geflügelbetrieben. Die Projekte werden in Zusammenarbeit mit Partnern aus Praxis und Forschung durchgeführt.

Kontakt und weiterführende Informationen

Weitere Informationen zum Thema Tierwohl finden sich im Forschungsmagazin der HSWT unter: https://www.hswt.de/forschung/transfer/forschungsmagazin/tierwohl-im-wandel-der-perspektiven