Windenergie und Landschaftsschutz in Europa Analyse von Zielkonflikten und Planungslösungen

Windenergie und Landschaftsschutz in Europa Analyse von Zielkonflikten und Planungslösungen
Windenergie und Landschaftsschutz in Europa Analyse von Zielkonflikten und Planungslösungen

Harmonisierung von Windenergie und Landschaftsschutz in Europa

Erstmals wurde von Forschenden der ETH Zürich eine europaweite Karte zur Bewertung der Landschaftsqualität erstellt, die aufzeigt, wo Konflikte zwischen Windenergieausbau und Landschaftsschutz auftreten. Die Analyse zeigt, dass die Produktionskosten für Windenergie auf europäischer Ebene stabil bleiben würden, wenn Windräder in besonders ästhetisch wertvollen Regionen nicht errichtet werden. Auf regionaler Ebene, insbesondere in den Alpen, führen die Überschneidungen von windreichen und landschaftlich attraktiven Gebieten jedoch zu erheblichen Zielkonflikten und steigenden Kosten.

Winterliche Windenergie und lokale Widerstände

Windkraftanlagen erzeugen vor allem im Winter eine hohe Strommenge, was mit dem erhöhten Energiebedarf in dieser Jahreszeit korrespondiert. Dennoch verläuft der Ausbau der Windenergie in vielen europäischen Regionen schleppend, da die Veränderungen des Landschaftsbildes vor Ort häufig auf Ablehnung stoßen.

Unter der Leitung von Professor Russell McKenna von der ETH Zürich und dem Paul Scherrer Institut (PSI) wurde dieser Konflikt auf kontinentaler Ebene systematisch untersucht. Ziel war es, die Wahrnehmung von Landschaftsschönheit zu erfassen und deren Einfluss auf die Planung von Windenergieanlagen zu analysieren.

Methodik zur Bewertung der Landschaftsqualität

Da Schönheit subjektiv ist, nutzten die Forschenden ein Machine-Learning-Modell, das mit Crowdsourcing-Daten aus Großbritannien trainiert wurde. Über 200.000 Landschaftsbilder wurden von Nutzern auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet.

Das Modell identifizierte Landschaftsmerkmale, die stark mit der wahrgenommenen Schönheit korrelieren. Besonders positiv bewertet wurden Gletscher- und Felslandschaften, während landwirtschaftlich genutzte Flächen und Siedlungsgebiete schlechter abschnitten. Weitere relevante Faktoren sind die Natürlichkeit der Landschaft, die Nähe zu Gewässern sowie die Sonneneinstrahlung.

Im Anschluss wurde das Modell auf ganz Europa übertragen, wodurch erstmals eine detaillierte Karte entstand, die die landschaftliche Attraktivität verschiedener Regionen aufzeigt.

Auswirkungen auf Windenergiepotenziale und Kosten

Die Verknüpfung der Landschaftsbewertung mit einem Windenergiemodell ermöglichte die Untersuchung der Folgen eines Schutzes besonders schöner Landschaften für die Windenergieversorgung.

  • Das Ausschließen dieser Gebiete reduziert das Potenzial für Windenergie deutlich.
  • Die durchschnittlichen Kosten pro erzeugter Strommenge bleiben jedoch europaweit nahezu unverändert.
  • Dies liegt daran, dass windstarke, gut erschlossene Standorte häufig außerhalb der als besonders schön bewerteten Regionen liegen und somit verstärkt genutzt werden können.

Regionale Zielkonflikte und Kostensteigerungen

Die gesamteuropäische Analyse verdeckt lokale Herausforderungen. Insbesondere in Gebieten wie den Alpen und Norwegen führt der Schutz attraktiver Landschaften zu einer starken Reduktion des Windenergiepotenzials.

In diesen Regionen steigen die Kosten für die Stromerzeugung, da verbleibende Standorte oft weniger effizient sind. Die Schweiz und die Alpenregion illustrieren diesen Zielkonflikt, da trotz guter Windressourcen das Potenzial aus Landschaftsschutzgründen nur eingeschränkt genutzt wird.

Die Studie betont, dass eine Planung auf gesamteruropäischer oder nationaler Ebene nicht ausreicht, um lokale Konflikte angemessen zu berücksichtigen. Eine räumlich präzise Planung ist erforderlich, um gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern.

Strategien zur Konfliktminderung

Zur Reduzierung von Spannungen zwischen Windenergie und Landschaftsschutz werden verschiedene Ansätze vorgeschlagen:

  • Micro-Siting: Präzise Platzierung einzelner Windturbinen, beispielsweise hinter Geländekanten oder in der Nähe bestehender Infrastruktur, um visuelle Beeinträchtigungen zu minimieren.
  • Angepasste Gestaltung: Designmaßnahmen, die Windturbinen weniger auffällig machen und besser in das Landschaftsbild integrieren.
  • Bündelung mit Infrastruktur: Die Konzentration von Windenergieanlagen in bereits erschlossenen Gebieten gilt als sozial verträglichster Weg.

Limitationen und Ausblick

Die Studie stellt einen ersten Versuch dar, die wahrgenommene Landschaftsqualität europaweit mit hoher räumlicher Auflösung vorherzusagen. Einschränkungen ergeben sich aus der Datenbasis, die vorwiegend auf Landnutzungsformen in Großbritannien beruht und somit nicht alle europäischen Landschaftstypen gleichermaßen abbildet.

Zukünftige Arbeiten könnten die Datenbasis durch Einbeziehung von Standorten aus weiteren europäischen Ländern und Social-Media-Daten erweitern, um die Genauigkeit und Robustheit des Modells zu erhöhen.

Die gewonnenen Erkenntnisse sind bereits für die Planung alpiner Solaranlagen, den Netzausbau sowie andere Infrastrukturprojekte nutzbar und bieten einen Ansatz, die Energiewende voranzutreiben, ohne die landschaftliche Qualität zu vernachlässigen.

Kooperation und Ansprechpartner

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit Forschenden des Forschungszentrums Jülich in Deutschland.

  • Ruihong Chen, ETH Zürich, ruchen(at)ethz.ch, +41 76 542 63 04
  • Russell McKenna, ETH Zürich, rmckenna(at)ethz.ch, +41 44 632 26 71

Publikation

Chen R, Pelser T, Lohrmann A, Weinand JM, McKenna R: Data-driven landscape scenicness mapping for continental-scale onshore wind resource assessment. Energy and AI, 28. April 2026, DOI: 10.1016/j.egyai.2026.100752

Weiterführende Informationen

https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/04//windenergie-und-schoene-landschaften-in-einklang-bringen.html