Bedeutung tierischer Bestäuber für Saatgutproduktion und Landwirtschaft in Deutschland

Bedeutung tierischer Bestäuber für Saatgutproduktion und Landwirtschaft in Deutschland

Saatgutproduktion: Die unverzichtbare Rolle der Bestäuber für zukünftige Aussaaten

Eine Untersuchung der Universität Hohenheim in Stuttgart zeigt, dass Bestäuber nicht nur für die Ernte entscheidend sind, sondern auch für die Produktion von Saatgut, das für die nächste Aussaat benötigt wird. Viele landwirtschaftlich bedeutende Pflanzenarten sind auf tierische Bestäuber angewiesen, insbesondere Gemüse- und Futterpflanzen. Die Studie verdeutlicht, dass ein Rückgang der Bestäuber langfristige Auswirkungen über ein einzelnes Erntejahr hinaus haben kann. Unter Einbeziehung der Saatgutproduktion steigt der geschätzte wirtschaftliche Wert der Bestäubungsleistungen in Deutschland für die Jahre 2018 bis 2020 von durchschnittlich 2,3 auf 3,1 Milliarden Euro – ein Anstieg um etwa ein Drittel.

Bestäuberleistung geht über die Ernte hinaus

Üblicherweise wird die Bedeutung von Bestäubern vor allem im Zusammenhang mit der Fruchternte betrachtet. Tatsächlich sind Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten jedoch auch für die Saatgutbildung vieler Kulturpflanzen unerlässlich. Prof. Dr. Arndt Feuerbacher, Leiter des Fachgebiets Ökonomisch-ökologische Politikmodellierung an der Universität Hohenheim, betont, dass die Rolle der Bestäuber bei der Sicherung der nächsten Aussaat häufig unterschätzt wird.

Beispiel Karotte: Indirekte Abhängigkeit von Bestäubern

Das Beispiel der Karotte illustriert diese indirekte Abhängigkeit: Während die essbare Wurzelbildung keine Bestäubung erfordert, ist für die Gewinnung von Samen zur nächsten Aussaat eine Bestäubung durch Tiere zwingend notwendig. Ähnliche Abhängigkeiten bestehen bei zahlreichen anderen Kulturpflanzen, darunter wichtige Futterpflanzen wie Luzerne und verschiedene Kleearten.

Ergebnisse einer umfassenden Übersichtsarbeit

Die Forschenden analysierten 116 Studien zur Saatgutproduktion von 74 landwirtschaftlich relevanten Pflanzenarten. Für 54 Kulturen konnten sie die Abhängigkeit von tierischer Bestäubung quantifizieren. Dabei zeigte sich bei 17 Arten eine sehr hohe, bei 22 eine hohe, bei 8 eine moderate und bei 1 eine geringe Abhängigkeit. Sechs Pflanzenarten wiesen keine Abhängigkeit auf, während für 20 Arten keine ausreichenden Daten vorlagen.

Langfristige Folgen des Bestäuberrückgangs

Falk Krumbe, Doktorand und Erstautor der Studie, weist darauf hin, dass der weltweite Rückgang von Bestäubern weitreichendere Konsequenzen haben könnte als bisher angenommen. Ein Mangel an Bestäubern kann zu einer verminderten oder qualitativ schlechteren Saatgutproduktion führen, was wiederum die Aussaat und Erträge in den Folgejahren beeinträchtigen kann. Besonders betroffen sind Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Ländern des globalen Südens, die einen Teil ihres Saatguts selbst erzeugen.

Wirtschaftliche Bedeutung der Bestäubungsleistung

Die ökonomische Bewertung der Bestäubungsleistungen berücksichtigt bislang meist nur die Ernteerträge. Die Hohenheimer Forschenden erweiterten diese Betrachtung um die Saatgutproduktion und errechneten für Deutschland einen Anstieg des jährlichen Werts der Bestäubungsleistungen von 2,3 auf 3,1 Milliarden Euro (2018–2020). Dieses Plus von etwa 33 Prozent resultiert vor allem aus dem hohen Wert von Gemüse- und Futterpflanzen, die trotz vergleichsweise kleiner Anbauflächen stark auf Bestäuber angewiesen sind.

Weltweit schätzen die Forschenden den Beitrag tierischer Bestäuber zu den Exporten von Gemüsesaatgut im Jahr 2020 auf rund drei Milliarden US-Dollar. Länder mit bedeutender Saatgutwirtschaft wie die Niederlande, Frankreich und die USA profitieren besonders.

Methodische Einschränkungen und praktische Aspekte

Die Abhängigkeit von Bestäubern variiert je nach Messmethode: Viele Studien bewerten nur die Menge des produzierten Saatguts, ohne Qualität und Keimfähigkeit zu berücksichtigen. Dies erschwert eine allgemeingültige Aussage zur Bedeutung der Bestäubung.

In der Praxis erfolgt die Bestäubung von Saatgut häufig nicht ausschließlich durch wildlebende Insekten. Bei Gemüse werden Blüten oft manuell bestäubt oder gezielt Honigbienen und Hummeln eingesetzt. Bei Futterpflanzen wie Luzerne ist Handbestäubung auf großen Flächen kaum realisierbar; hier übernehmen spezialisierte Bestäuber, beispielsweise die Luzerne-Blattschneiderbiene, diese Aufgabe. Zudem wird ein großer Teil des Saatguts im Ausland produziert, sodass ein Rückgang der Bestäuber in Deutschland die Saatgutversorgung nicht unmittelbar gefährdet. Allerdings führen Bestäubungskosten letztlich zu höheren Saatgutpreisen.

Ausblick: Schutz der Bestäuber als strategische Investition

Eine offene Fragestellung betrifft die Auswirkungen eines graduellen Rückgangs der Bestäuberpopulationen. Die meisten Studien vergleichen nur die Extreme „mit“ und „ohne“ Bestäubung, während für die Landwirtschaft relevant wäre, welche Effekte beispielsweise ein Rückgang um 10, 20 oder 50 Prozent hätte.

Die Forschenden empfehlen, die Saatgutproduktion künftig stärker in wirtschaftliche, politische und landwirtschaftliche Planungen zur Ökosystemleistung „Bestäubung“ einzubeziehen. Angesichts des globalen Rückgangs von Insekten stellt der Schutz und die Förderung von Bestäuberpopulationen eine Investition in die Stabilität landwirtschaftlicher Systeme und die nachhaltige Sicherung der Lebensmittelversorgung dar.

Hintergrund: Forschungsprojekt BEATLE

Das Projekt „Bewertung agrar- und ernährungspolitischer Transformationspfade hin zu einem biodiversitätsfreundlichen Landnutzungs- und Ernährungssystem (BEATLE)“ unter Leitung von Prof. Dr. Arndt Feuerbacher untersucht, wie Landnutzungs- und Ernährungssysteme gestaltet sein müssen, um die Artenvielfalt zu fördern. Dabei werden verschiedene Szenarien in einem ökologisch-ökonomischen Simulationsmodell bewertet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Nachwuchsgruppe von September 2022 bis August 2027 mit 2,7 Millionen Euro.

Kontakt und weiterführende Informationen

  • Prof. Dr. Arndt Feuerbacher, Universität Hohenheim, Fachgebiet Ökonomisch-ökologische Politikmodellierung
    Telefon: +49 (0)711 459 24672
    E-Mail: a.feuerbacher@uni-hohenheim.de
  • Falk Krumbe, Universität Hohenheim, Fachgebiet Ökonomisch-ökologische Politikmodellierung
    Telefon: +49 (0)711 459 23881
    E-Mail: falk.krumbe@uni-hohenheim.de

Originalpublikationen:
Krumbe, F., Melder, S., Feuerbacher, A.: The vital role of pollination services in seed production: A global review. Agriculture, Ecosystems & Environment, 393, 2025, 109745
https://doi.org/10.1016/j.agee.2025.109745
Feuerbacher, A., Herbold, T., Krumbe, F.: The Economic Value of Pollination Services for Seed Production: A Blind Spot Deserving Attention. Environmental and Resource Economics 87, 2024, 881–905.
https://doi.org/10.1007/s10640-024-00840-7