Bewertungsschema zur Messung von Tierleid durch biologische Invasionen

Bewertungsschema zur Messung von Tierleid durch biologische Invasionen
Bewertungsschema zur Messung von Tierleid durch biologische Invasionen

Bewertung des Tierleids durch biologische Invasionen: Entwicklung eines neuen Messschemas

Die zunehmende Globalisierung, verstärkte Reisetätigkeiten und der Klimawandel führen dazu, dass immer mehr Tier-, Pilz- und Pflanzenarten außerhalb ihrer ursprünglichen Verbreitungsgebiete auftreten. Diese sogenannten biologischen Invasionen entstehen, wenn Arten in neue Regionen gelangen und sich dort aufgrund veränderter Umweltbedingungen oder fehlender natürlicher Feinde rasch ausbreiten. Invasive Arten können heimischen Wild- und Nutztieren erhebliches Leid zufügen, beispielsweise durch Konkurrenz um Nahrung oder direkte Angriffe. Gleichzeitig sind auch die invasiven Arten selbst von Leid betroffen.

Entwicklung eines Bewertungssystems für Tierwohl

Ein interdisziplinäres Forscherteam der Freien Universität Berlin, des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) sowie der University of Bristol hat erstmals ein systematisches Bewertungsschema zur Quantifizierung des Tierleids infolge biologischer Invasionen vorgestellt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Erste Analysen zeigen, dass insbesondere eingeschleppte Ameisenarten erhebliches Leid bei einheimischen Tieren verursachen.

Das entwickelte Instrument mit dem Namen Animal Welfare Impact Classification for Invasion Science (AWICIS) wurde von Dr. Thomas Evans (Freie Universität Berlin) und Prof. Mike Mendl (University of Bristol) konzipiert. Es berücksichtigt sowohl die körperliche als auch die psychische Verfassung einzelner Tiere, die unter invasiven Arten leiden. Dabei werden verschiedene Indikatoren wie Ernährungszustand, Gesundheitsparameter und Verhaltensänderungen erfasst. Das Ausmaß des Tierleids wird in fünf Stufen eingeteilt und durch physische (z. B. Körpergröße, Gewicht), physiologische (z. B. Stoffwechsel, Nervenreaktionen) sowie verhaltensbezogene Merkmale belegt.

Anwendung und Erkenntnisse

Zur Validierung des Bewertungsschemas analysierten die Wissenschaftler bestehende Daten zu eingeführten Vogelarten sowie eine systematische Literaturauswertung zu invasiven Ameisen, darunter die Argentinische Ameise (Linepithema humile). Diese Ameisenart wurde über den Schiffsverkehr nach Europa eingeschleppt und bildet vor allem in mediterranen Küstenregionen und Gärten große Kolonien, die einheimische Ameisen verdrängen und das lokale Ökosystem beeinträchtigen.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass invasive Ameisenarten wie die Argentinische Ameise oder die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta) vielfältige einheimische Tiergruppen beeinträchtigen. Betroffen sind Vögel, Reptilien wie Jungschildkröten und Eidechsen sowie Krustentiere wie Landkrabben. Typische Symptome umfassen Verhaltensstörungen wie reduzierte Ruhephasen oder übermäßige Körperpflege sowie Verletzungen durch aggressive oder giftige Stiche. Diese führen häufig zu langwierigen und qualvollen Todesprozessen bei den heimischen Tieren. Invasive Vogelarten verursachen Leid durch Beutefang oder Konkurrenz um Nahrung, wobei vor allem Wat- und Seevögel sowie Inselvögel betroffen sind. Insgesamt fallen die Auswirkungen invasiver Vögel jedoch weniger gravierend aus als die durch Ameisen.

Implikationen für Forschung und Naturschutz

Dr. Thomas Evans betont die Bedeutung des AWICIS-Schemas für Wissenschaft und Politik als Instrument zur Bewertung der Gefährdung des Tierwohls durch biologische Invasionen. Er empfiehlt, die Auswirkungen invasiver Arten verstärkt in Feldstudien zu untersuchen, insbesondere in bislang wenig erforschten und oftmals wirtschaftlich benachteiligten Regionen. Zudem sollten Maßnahmen zur Verhinderung der Einschleppung bekannter schädlicher Ameisenarten intensiviert werden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass physiologische Messungen bei weniger offensichtlichen oder langfristigen Belastungen helfen könnten, die Intensität und Dauer des Tierleids genauer zu erfassen. Außerdem besteht eine Publikationsverzerrung, da überwiegend schwere Fälle dokumentiert sind, während mildere Auswirkungen vermutlich unterrepräsentiert bleiben.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Dr. Thomas Evans
Freie Universität Berlin, Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie
E-Mail: thomas.evans@fu-berlin.de


Originalpublikation

https://www.nature.com/articles/s41467-026-72154-9