
Unterschätzung der gesellschaftlichen Unterstützung für Klimaschutz durch deutsche Politiker
Eine umfangreiche Studie mit etwa 1.600 politischen Entscheidungsträgern zeigt, dass die Bevölkerung Klimaschutzmaßnahmen deutlich positiver bewertet, als viele Politiker annehmen. Prof. Dr. Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum und Privatdozent Dr. Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg führten die Untersuchung durch, bei der die Einschätzungen der Politiker mit den tatsächlichen Einstellungen von über 2.000 Bürgern verglichen wurden.
Studienübersicht und zentrale Ergebnisse
- Im Herbst 2024 wurden 6.074 Politiker kontaktiert, von denen 1.599 an der Befragung teilnahmen.
- Parallel wurden zwei repräsentative Bevölkerungsstichproben mit insgesamt mehr als 2.000 Personen erhoben.
- Die Zustimmung zu Klimagesetzen wird von Politikern erheblich unterschätzt.
- Die Bereitschaft, finanziell zum Klimaschutz beizutragen, wird besonders stark unterschätzt.
- Politiker zeigen größere Fehleinschätzungen als die Bevölkerung selbst.
- Die Wahrnehmungslücken bestehen parteiübergreifend.
- Die größten Fehlwahrnehmungen betreffen die wirksamsten Klimaschutzinstrumente.
Methodik und Befunde im Detail
Für die Studie wurden über 6.000 aktive Politiker über ihre dienstlichen E-Mail-Adressen angeschrieben. Die Antworten der rund 1.600 Teilnehmenden wurden mit den Einstellungen von mehr als 2.000 Bürgern aus zwei unabhängigen, repräsentativen Stichproben verglichen.
Die Ergebnisse zeigen, dass viele politische Akteure die gesellschaftliche Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen deutlich unterschätzen. Insbesondere bei wirksamen Klimagesetzen und der Bereitschaft, finanzielle Beiträge zu leisten, bestehen große Diskrepanzen.
Fehleinschätzungen bei Unterstützung und finanzieller Bereitschaft
Die Akzeptanz für wirksame Klimagesetze wurde von den Politikern um mehr als 25 Prozent der Antwortskala unterschätzt. Noch gravierender fiel die Fehleinschätzung bei der Bereitschaft aus, einen finanziellen Beitrag zu leisten: Während Politiker nur etwa 18 % der Bevölkerung diese Bereitschaft zuschrieben, lag der tatsächliche Anteil bei rund 48 %.
Diese Diskrepanz zeigt, dass fast jeder zweite Deutsche bereit ist, monatlich etwa ein Prozent seines Einkommens für den Klimaschutz aufzuwenden, während viele Politiker davon ausgehen, dass dies nur auf weniger als jeden Fünften zutrifft.
Unterschiedliche Wahrnehmung je nach Maßnahme
Während Informationskampagnen von Politikern teilweise sogar überschätzt wurden, unterschätzten sie die Zustimmung zu Gesetzen, Regulierungen und finanziellen Beiträgen deutlich. Die größte Wahrnehmungslücke besteht dort, wo Bürger aktiv mitwirken oder höhere gesetzliche Anforderungen akzeptieren müssten.
Vergleich mit der Bevölkerung und parteiübergreifende Muster
Auch die Bevölkerung selbst neigt dazu, die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen zu unterschätzen, ein bekanntes psychologisches Phänomen. Jedoch sind die Fehleinschätzungen bei Politikern noch ausgeprägter, was zu der Annahme führen kann, dass ambitionierte Klimapolitik politisch risikoreicher erscheint, als sie tatsächlich ist.
Die Wahrnehmungslücken zeigen sich über fast alle politischen Parteien hinweg. Zwar unterschätzen linke Parteien die Unterstützung etwas weniger stark als konservative oder rechte Parteien, doch das Muster ist in allen politischen Lagern erkennbar.
Implikationen für die Klimapolitik
Frühere Studien belegen, dass politische Entscheidungen nicht nur von den eigenen Überzeugungen der Politiker abhängen, sondern auch von deren Einschätzung der öffentlichen Meinung. Verzerrte Wahrnehmungen können somit politische Blockaden begünstigen.
Die Autoren der Studie empfehlen daher, die tatsächlichen Einstellungen der Bevölkerung transparenter zu kommunizieren, um Fehlannahmen zu korrigieren und die Umsetzung wirksamer Klimaschutzmaßnahmen zu erleichtern.
Umfang und Repräsentativität der Studie
Diese Untersuchung zählt zu den größten weltweit, die sich mit der Wahrnehmung öffentlicher Meinung durch politische Entscheidungsträger befasst. Es wurden Politiker aller Ebenen befragt, darunter:
- Bundestag
- Landtage
- Kreistage
- Stadträte
- Gemeinderäte
Die Teilnehmenden repräsentieren sämtliche Regionen Deutschlands sowie alle großen Parteien.
Kontaktinformationen der Studienleiter
PD Dr. habil. Timur Sevincer
Leuphana Universität Lüneburg
Institut für Nachhaltigkeitspsychologie
E-Mail: timur.sevincer@leuphana.de
Prof. Dr. Wilhelm Hofmann
Ruhr-Universität Bochum
Lehrstuhl für Sozial- und Umweltpsychologie
E-Mail: wilhelm.hofmann@ruhr-uni-bochum.de
Publikation
Sevincer, T., Hostlowsky, L., Styhler, F., & Hofmann, W. (2026). Public Support for Climate Action is Underestimated in the German Political Domain. Communications Earth & Environment. DOI: 10.1038/s43247-026-03721-7
Preprint verfügbar unter: https://osf.io/preprints/osf/kav53_v4
Weiterführende Informationen
Ausführliche Informationen und ergänzende Materialien zur Studie sind verfügbar unter: https://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2026-06-23-studie-deutsche-politiker-unterschaetzen-die-unterstuetzung-fuer-klimaschutz




