
Langfristige Veränderungen der Insektenvielfalt in der Schweiz: Ergebnisse aus neun Jahrzehnten
Ein Forschungsteam aus der Schweiz hat erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt über einen Zeitraum von fast 100 Jahren analysiert. Die Untersuchung konzentrierte sich auf Tagfalter und Totholzkäfer und zeigte insbesondere in der Mitte des 20. Jahrhunderts einen deutlichen Rückgang dieser Arten.
Untersuchungsgrundlagen und Datenquellen
Die Studie, geleitet von Agroscope in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), basiert auf umfangreichen historischen Daten. Insgesamt wurden Meldungen zu 811 Arten von Tagfaltern und Totholzkäfern aus den Jahren 1930 bis 2021 ausgewertet. Diese stammen aus dem nationalen Datenarchiv info fauna und umfassen sowohl Sammlungsdaten als auch Beobachtungen aus Forschungsprojekten und Monitoringprogrammen.
Entwicklung der Artenzahlen
- Bis etwa 1960 nahm die Anzahl der Totholzkäferarten deutlich ab, stabilisierte sich anschließend und stieg seit den 2000er-Jahren wieder an.
- Die Tagfalterarten zeigten einen Rückgang bis in die 1980er-Jahre und konnten sich seither nicht vollständig erholen. Aktuell liegt ihre Artenvielfalt im Durchschnitt um 12 % unter dem Niveau von 1930.
- Regionale Unterschiede sind besonders im Mittelland (–29 %) und in den nördlichen Voralpen (–13 %) ausgeprägt, Gebiete mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung und Besiedlung.
Ursachen für den Rückgang
Die stärksten Verluste traten während der Phase der Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft zwischen 1950 und 1980 auf. Diese Periode war geprägt von einer Vereinheitlichung der Landschaft sowie einem verstärkten Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln. Tagfalter sind auf sonnenreiche, nährstoffreiche Offenlandflächen angewiesen, während viele Totholzkäfer alte Holzbestände benötigen. Die Entfernung von Totholz in Wäldern und die Umgestaltung der Agrarlandschaft führten zum Verlust wichtiger Lebensräume.
Einfluss von Klimawandel und Umweltmaßnahmen
Der Klimawandel hat seit den 1980er-Jahren zu einer Ausbreitung wärmeliebender Arten geführt, insbesondere bei Totholzkäfern wie dem Hirschkäfer. Zudem haben Stürme, die größere Mengen an Totholz erzeugen, positive Effekte auf diese Käferpopulationen gehabt.
Seit den 1990er-Jahren sind erste Anzeichen einer Stabilisierung oder Erholung bei einigen Arten erkennbar. Dies wird auf verstärkte Naturschutzmaßnahmen zurückgeführt, darunter biodiversitätsfreundliche Waldbewirtschaftung, die Schaffung von Alt- und Totholzinseln sowie Agrarumweltprogramme und Förderflächen zur Biodiversität.
Ausblick und Bedeutung für den Naturschutz
Obwohl sich einige Arten erholen konnten, bleibt der Schutz vieler spezialisierter Insekten, insbesondere der Tagfalter, weiterhin eine Herausforderung. Insekten spielen eine zentrale Rolle in Ökosystemen, beispielsweise als Bestäuber und als Nahrungsquelle für andere Tiere. Weitere gezielte Schutzmaßnahmen sind notwendig, um den langfristigen Erhalt der Insektenvielfalt sicherzustellen.
Kontaktinformationen der Wissenschaftler
Felix Neff
Agroscope
Reckenholzstrasse 191
8046 Zürich, Schweiz
Telefon: +41 58 46 35420
E-Mail: felix.neff@agroscope.admin.ch
Dr. Kurt Bollmann
Senior Scientist, Naturschutzbiologie
Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL
E-Mail: kurt.bollmann@wsl.ch
Telefon: +41 44 739 2411
Originalpublikation
Neff, F., Bollmann, K., Chittaro, Y., Gossner, M.M., Herzog, F., Korner-Nievergelt, F., Litsios, G., Martínez-Núñez, C., Moretti, M., Rey, E., Sanchez, A., Knop, E. (2026): Ninety-year trends reveal sharpest insect declines in the mid-twentieth century. Nature Ecology & Evolution. DOI: 10.1038/s41559-026-03074-6




