
Bericht zu den Folgen der Oder-Umweltkatastrophe 2022 und Empfehlungen für Politik und Behörden
Im Rahmen eines Fachsymposiums in Schwedt präsentierten Forschende ihre Untersuchungen zur Umweltkatastrophe an der Oder im Jahr 2022. Bundesumweltminister Carsten Schneider wurde dabei ein umfassender Bericht mit konkreten Handlungsempfehlungen übergeben. Ziel ist es, die Salz- und Nährstoffbelastung zu reduzieren, Auen zu revitalisieren und die Wasserrückhaltung in der Landschaft zu verbessern, um die ökologische Widerstandsfähigkeit des Flusses langfristig zu stärken.
Untersuchungen im Sonderprogramm ODER~SO
Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) koordinierte das Sonderuntersuchungsprogramm zur Oder-Umweltkatastrophe (ODER~SO). Das Forschungsteam analysierte die ökologischen Auswirkungen des Ereignisses, den aktuellen Zustand des Ökosystems sowie mögliche Maßnahmen zur Vorsorge und Revitalisierung. Hierfür wurden umfangreiche Feld- und Laborstudien durchgeführt, die Wasserchemie, Algenentwicklung, Fischpopulationen, wirbellose Tiere sowie Lebensräume in der Oder, ihren Nebenflüssen und Auen einschlossen.
Erholung des Ökosystems und verbleibende Herausforderungen
- Fast vier Jahre nach der Katastrophe zeigen sich unterschiedliche Erholungsgrade bei verschiedenen Organismengruppen.
- Fischbestände haben sich vergleichsweise gut regeneriert und erreichen in der Unteren Oder bis 2026 wieder annähernd das Niveau vor der Katastrophe.
- Großmuscheln sind jedoch stark betroffen: Mindestens zwei Drittel der Populationen sind verendet, und ihre langsame Reproduktionsrate lässt eine langwierige Erholung erwarten.
- Großmuscheln spielen eine wichtige Rolle bei der Wasserfiltration und damit bei der Reinigung des Flusses.
Prof. Sonja Jähnig, Direktorin des IGB, betont, dass trotz teilweiser Erholung die Umweltkatastrophe weiterhin ökologische Spuren hinterlässt. Die schnelle Regeneration der Fischbestände ist auch darauf zurückzuführen, dass Fische in weniger belastete Uferbereiche und Nebengewässer ausweichen konnten, die als Refugien fungieren.
Förderung naturnaher Flussstrukturen
Die Erweiterung natürlicher Lebensräume wurde durch Maßnahmen wie den Rückbau von Uferbefestigungen, die Wiederanbindung von Nebengewässern, die ganzjährige Öffnung von Poldern im Nationalpark Unteres Odertal sowie die Rückverlegung von Deichen erreicht. Besonders wichtig sind dynamische, ufernahe Strukturen wie überströmte Kiesbänke, die für bestimmte Flussfischarten essenziell sind, jedoch in der Oder selten geworden sind.
Die ökologische Umgestaltung bestehender Buhnen durch großzügige Kerbungen kann zur Verbesserung der Habitatvielfalt beitragen und sowohl Fischbeständen als auch Insektenlarven und anderen Wirbellosen zugutekommen. Ein strukturreicher Fluss mit vielfältigen Uferzonen, Nebengewässern und funktionsfähigen Auen besitzt eine höhere ökologische Resilienz als ein stark verbauter und strukturarm gestalteter Fluss.
Kritik an weiteren wasserbaulichen Eingriffen
Der Neubau oder die Verstärkung von Standardbuhnen wird als ökologisch nachteilig bewertet, da solche Maßnahmen die strukturelle Vielfalt und damit die Widerstandskraft des Flussökosystems weiter reduzieren. Die Oder hat als Wasserstraße keine bedeutende Rolle im Güterverkehr mehr, und der bisher zugrunde gelegte Bemessungswasserstand wird kaum noch erreicht. Vor diesem Hintergrund sollte die Zielsetzung zugunsten einer ökologischen Revitalisierung neu ausgerichtet werden.
Dr. Christian Wolter, Experte für die Oder am IGB, weist darauf hin, dass die über 480 Kilometer barrierefrei fließende Oder einzigartige Chancen für ökologische Verbesserungen bietet. Er fordert eine deutliche Reduzierung der Salzbelastung und die Umsetzung der Revitalisierungspläne des Landes Brandenburg. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ist für die Maßnahmen zur Erreichung eines guten ökologischen Zustands zuständig und benötigt hierfür die Zustimmung des Verkehrsministeriums.
Die Oder im europäischen Kontext
Die Umweltkatastrophe an der Oder illustriert die zunehmenden Belastungen vieler europäischer Flüsse durch Schadstoffeinleitungen, Flussverbau und Klimawandel. Aufgrund sinkender Wasserstände ist es dringend erforderlich, Schadstoffeinträge zu verringern und Fließgewässer so zu revitalisieren, dass ihre Auen regelmäßig mit Wasser versorgt werden.
Intakte Flüsse und Auen sichern sauberes Trinkwasser, reduzieren Hochwassergefahren, speichern Wasser für Trockenperioden, binden Kohlenstoff und bilden die Grundlage für Landwirtschaft, gesunde Fischbestände sowie Erholungsräume.
Zusammenfassung der Empfehlungen
- Reduktion der Salz- und Nährstoffbelastung.
- Schaffung und Erhalt naturnaher, strukturreicher Lebensräume.
- Vermeidung weiterer wasserbaulicher Maßnahmen, die die ökologische Vielfalt einschränken.
- Förderung der ökologischen Resilienz zur Verringerung des Risikos erneuter Giftalgenblüten.
- Umsetzung der bestehenden Revitalisierungspläne durch zuständige Behörden.
Hintergrund zur Umweltkatastrophe
Im August 2022 kam es auf einer Strecke von über 300 Kilometern der Oder zu einem massiven Fischsterben. Schätzungsweise 1.000 Tonnen Fische sowie zahlreiche Großmuscheln und andere Organismen verendeten. Ursache war die starke Vermehrung der giftbildenden Brackwasseralge Prymnesium parvum, die nicht heimisch ist und von erhöhtem Salzgehalt infolge bergbaulicher Einleitungen sowie hoher Nährstoffkonzentrationen profitierte.
Seit Februar 2023 untersucht das Verbundprojekt ODER~SO die Regeneration des Flusses und mögliche Vorsorgemaßnahmen gegen zukünftige Algenblüten. Neben dem IGB sind die Universität Duisburg-Essen, die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sowie das Institut für Binnenfischerei e.V. Potsdam-Sacrow beteiligt. Die Förderung erfolgt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
Kontakt und weiterführende Informationen
- Prof. Sonja Jähnig, IGB: https://www.igb-berlin.de/profile/sonja-jaehnig
- Dr. Christian Wolter, IGB: https://www.igb-berlin.de/profile/christian-wolter
Weitere Details und den vollständigen Bericht finden Sie unter:




