Neue Technologien zum Schutz von Insekten bei der Grünlandmahd

Neue Technologien zum Schutz von Insekten bei der Grünlandmahd

Innovative Technologien zum Schutz von Insekten bei der Grünland-Mahd

Forschende der Universitäten Hohenheim und Tübingen entwickeln neue Verfahren, um das Insektensterben auf Wiesen während der Mahd signifikant zu reduzieren. Im Fokus stehen dabei zwei neuartige Systeme: die Bügel- und die Gebläsescheuche. Ein Video zur Thematik ist unter https://www.youtube.com/shorts/hP2WthJnJU4 verfügbar.

Herausforderung: Insektenverluste bei der Grünland-Mahd

Beim Mähen von Grünland geraten zahlreiche Insekten in lebensbedrohliche Gefahr, da sie häufig nicht rechtzeitig vor den Mähwerken fliehen können. Jährlich sterben auf diese Weise Millionen von Zikaden, Fliegen, kleinen Wespen, Spinnen und weiteren wirbellosen Arten. Die Universität Hohenheim untersucht auf ihren Versuchsfeldern in Stuttgart Methoden, um diese Verluste zu minimieren und somit die Biodiversität zu fördern.

Grünland zeichnet sich durch eine hohe Artenvielfalt aus, weshalb der Schutz der dort lebenden Insekten von besonderer Bedeutung ist. Prof. Dr. Johannes Steidle betont die ökologische Relevanz: „Insekten bilden die Nahrungsgrundlage vieler anderer Tierarten. Das derzeitige Insektensterben führt zu einer Nahrungsknappheit bei Vögeln, Amphibien und Fledermäusen.“

Forschungsansatz: Insekten durch Scheuchen schützen

Das interdisziplinäre Team der Universitäten Hohenheim (Fachgebiete Chemische Ökologie und Grundlagen der Agrartechnik) sowie Tübingen (Arbeitsgruppe Evolutionsbiologie der Invertebraten) verfolgt das Ziel, Insekten unmittelbar vor dem Mähwerk aus der Gefahrenzone zu vertreiben.

„Unsere bisherigen Untersuchungen im Projekt ‚InsectMow‘ zeigten, dass direkte Veränderungen am Mähwerk nur begrenzte Verbesserungen bringen“, erläutert Prof. Dr. Steidle. „Daher konzentrieren wir uns darauf, die Tiere durch Scheuchen vor dem Mähwerk zu schützen.“

  • Bügelscheuche: Ein Gerät mit Metallzinken, das durch den Grasbestand fährt und die Insekten zum Wegfliegen, Wegspringen oder Fallenlassen animiert.
  • Gebläsescheuche: Ein quer vor dem Mähwerk montiertes Gebläse, das die Insekten mithilfe von Luftstrom aus der Gefahrenzone bläst.

Erprobung und erste Ergebnisse

Die Wirksamkeit der Scheuchen wird in Feldversuchen geprüft. Dabei wird eine standardisierte Fläche mit einer der beiden Techniken gemäht. Im Anschluss fangen die Forschenden verbleibende Insekten mit großen Gazewürfeln (Biozönometern) ein, die mit einem modifizierten Laubbläser abgesaugt werden. Zusätzlich werden Netze über und seitlich des Mähwerks angebracht, um Insekten zu erfassen, die fliehen.

Die Proben werden über mehrere Monate analysiert, wobei die einzelnen Arten identifiziert und gezählt werden. So lässt sich feststellen, wie viele Insekten nach der Mahd ohne Scheuche, mit Bügelscheuche oder mit Gebläsescheuche verbleiben und wie viele durch die Scheuchen vertrieben wurden.

Erste Zwischenergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere die Gebläsescheuche einen großen Teil der Insekten erfolgreich seitlich aus der Gefahrenzone befördert. Eine abschließende Bewertung erfolgt nach der detaillierten Auswertung.

Bedeutung der Insektenvielfalt im Grünland

Die Untersuchungen verdeutlichen die hohe Artenvielfalt auf Grünlandflächen: Auf nur einem Quadratmeter können mehrere Hundert Zikaden, Fliegen, Mücken und parasitäre Wespen vorkommen. In einzelnen Proben wurden sogar über 1.000 Zikaden pro Quadratmeter nachgewiesen.

Prof. Dr. Steidle hebt hervor: „Diese oft unbekannten Arten sind essenzielle Bestandteile des Ökosystems. Jede Art fungiert als ein kleines Zahnrad, das das ökologische Gleichgewicht aufrechterhält.“

Perspektiven für den Einsatz in der Landwirtschaft

Langfristig sollen Insektenscheuchen als Standardtechnik bei der Grünlandmahd etabliert werden. Die ersten Anwendungen sind für den ökologischen Landbau vorgesehen, mit der Option, die Systeme später flächendeckend in der Landwirtschaft einzusetzen, um Insektenverluste deutlich zu reduzieren.

Das Projekt verknüpft agrartechnische Entwicklungen mit biodiversitätsorientierter Forschung. Während Ingenieure die Mähtechnik optimieren, analysieren Biolog:innen das Verhalten der Insekten und bewerten die Effektivität der Schutzsysteme.

Weiterführende Informationen

Kontakt für wissenschaftliche Anfragen

  • Prof. Dr. Johannes Steidle, Universität Hohenheim, Fachgebiet Chemische Ökologie
    Telefon: +49 711 459 23667
    E-Mail: jsteidle@uni-hohenheim.de
  • Dr. Stefanie Erhardt, Universität Hohenheim, Fachgebiet Chemische Ökologie
    Telefon: +49 711 459 23764
    E-Mail: stefanie.erhardt@uni-hohenheim.de
  • Prof. Dr.-Ing. Stefan Böttinger, Universität Hohenheim, Fachgebiet Grundlagen der Agrartechnik
    Telefon: +49 711 459 23200
    E-Mail: boettinger@uni-hohenheim.de