
Die Ballista-Spinne: Ein biomechanisches Hochleistungssystem zur Beutefang
Eine australische Spinnenart hat eine außergewöhnliche Jagdstrategie entwickelt, die durch die Nutzung der Aggressivität ihrer Beute eine leistungsstarke Fangmethode ermöglicht. Forschende der Universität Greifswald und australischer Partner entdeckten, dass diese Spinne Ameisen mit großer Kraft in ihr Netz katapultiert. Die Ergebnisse der Untersuchung werden am 22. Juli 2026 in Current Biology veröffentlicht.
Innovatives Fangprinzip im Tierreich
Im evolutionären Wettstreit zwischen Räuber und Beute haben sich vielfältige Anpassungen herausgebildet. Die Ballista-Spinne (Gattung Propostira) geht dabei einen einzigartigen Weg: Sie konstruiert ein Netz, das wie ein gespanntes Katapult funktioniert und von der Beute selbst aktiviert wird. Diese Spinne lebt in unmittelbarer Nähe der Grünen Weberameise (Oecophylla smaragdina), einer aggressiven und territorialen Ameisenart, deren Verteidigungsverhalten sie gezielt ausnutzt.
Fallenbau und Auslösung durch die Beute
- Tagsüber verbirgt sich die Spinne auf der Blattunterseite.
- Nach Sonnenuntergang errichtet sie ein fächerförmiges Netz aus 15 bis 60 Seidenfäden zwischen Ästen und Blättern.
- Am Netzende entsteht ein kegelförmiger Seidenkörper, der von den Ameisen mit ihren Fühlern erkundet wird.
- Die Ameisen reagieren aggressiv, indem sie den Kegel anvisieren und beißen, was die Falle auslöst.
Der Biss löst die Verankerung des Kegels, woraufhin sich das gespannte Netz innerhalb von etwa 40 Millisekunden zusammenzieht. Die Ameise hält den Kegel mit ihrem Mundwerkzeug fest und wird dadurch vom Untergrund abgehoben und mit hoher Geschwindigkeit in das zentrale Netz geschleudert.
Beeindruckende Fangleistung
Die Geschwindigkeit der katapultierten Ameisen erreicht bis zu 4,4 Meter pro Sekunde, mit Spitzenbeschleunigungen von über 1300 m/s² (entsprechend 133 g). Zum Vergleich: Ein Mensch erfährt bei einem Raketenstart etwa 4–5 g, ein Kampfjet bis zu 9 g. Die Tiere werden dabei bis zu 30 Zentimeter weit geschleudert, eine beachtliche Distanz im Verhältnis zur Körpergröße der Insekten.
Erst nachdem die Ameise den Bodenkontakt verloren hat, beginnt die Spinne mit der Bewegung. Sie wartet, bis die Beute vollständig im Netz gefangen ist, und umwickelt sie anschließend mit zusätzlicher Seide.
Mechanische und chemische Anpassungen für maximale Effizienz
Dr. Jonas O. Wolff, Hauptautor der Studie, beschreibt die Falle als eines der leistungsstärksten Fangsysteme im Tierreich. Die elastische Energie, die in den gespannten Seidenfäden gespeichert wird, setzt die Spinne schlagartig frei – vergleichbar mit einer vorgespannte Feder. Die Leistungsfähigkeit übersteigt die Muskelkraft bei Weitem und übertrifft sogar andere katapultartige Fangnetze von Spinnen.
Die besondere Netzstruktur bündelt die Kräfte zahlreicher Fäden, um die starke Haftkraft der Grünen Weberameisen zu überwinden. Diese Ameisen besitzen spezielle Haftpolster, die es ihnen erlauben, Kräfte weit über ihrem Körpergewicht zu erzeugen.
Hohe Spezialisierung auf eine Beuteart
Die Ballista-Spinne zeigt eine bemerkenswerte Spezialisierung: In allen Beobachtungen wurden ausschließlich Grüne Weberameisen gefangen. Andere Ameisenarten auf denselben Bäumen ignorierten den Seidenkegel vollständig. Die Forschenden vermuten, dass die Spinne den Kegel mit artspezifischen Duftstoffen versieht, die die Weberameisen anlocken und gleichzeitig ihre aggressive Reaktion auslösen. Somit ist die Falle nicht nur mechanisch, sondern auch chemisch auf eine einzelne Beuteart abgestimmt.
Evolutionäre Anpassung an eine gefährliche Beute
Grüne Weberameisen leben in großen Kolonien mit Millionen von Individuen und stellen für die Spinne eine zuverlässige Nahrungsquelle dar. Gleichzeitig sind sie aufgrund ihrer Wehrhaftigkeit eine Herausforderung. Um eine einzelne Ameise erfolgreich zu erbeuten, muss sie schnell von ihrer Kolonie getrennt werden. Die Ballista-Spinne löst dieses Problem durch ihr Katapultnetz, das die Verteidigungsreaktion der Ameise als Auslöser nutzt und die Beute innerhalb von Sekundenbruchteilen aus der Gefahrenzone schleudert.
Die Entdeckung verdeutlicht die extreme Spezialisierung und Leistungsfähigkeit biomechanischer Systeme, die im Zuge des evolutionären Wettstreits zwischen Räuber und Beute entstanden sind, so Dr. Wolff.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Dr. Jonas Wolff
Zoologisches Institut und Museum
Evolutionäre Biomechanik
Soldmannstraße 14, 17489 Greifswald
Telefon: +49 3834 420 4243
E-Mail: j.wolff@uni-greifswald.de
Quellenangabe
Ajay Narendra, Pranav Joshi, Daniele Liprandi, Gregory J. Anderson, Jonas O. Wolff: Ballistic highpowered spider webs overcome dangerous prey defenses. Current Biology 36, R1–R3, 22. Juni 2026. https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.04.066




