Politisches Comeback der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung in Deutschland und seine Herausforderungen

Politisches Comeback der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung in Deutschland und seine Herausforderungen

CCS: Politische Wiederbelebung einer umstrittenen Technologie

Die Technologie der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) erfährt in der aktuellen deutschen Klimapolitik eine erneute Aufmerksamkeit. Eine in Environmental Politics veröffentlichte Studie analysiert die Gründe für dieses politische Comeback und zeigt auf, wie die ursprünglich restriktiven Einsatzkriterien im Verlauf des politischen Prozesses zunehmend gelockert wurden. Dies birgt die Gefahr, dass fossile Infrastrukturen länger genutzt werden und andere Klimaschutzmaßnahmen in den Hintergrund treten.

Historische Entwicklung und Wandel der Akzeptanz

„CCS galt in Deutschland lange als politisch kaum durchsetzbar“, erläutert Tobias Haas vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ (RIFS), Erstautor der Studie. Ende der 2000er Jahre scheiterte ein erster Vorstoß zur Einführung von CCS am Widerstand lokaler Initiativen, Umweltorganisationen und einer breiten Öffentlichkeit. In der Folge spielte die Technologie über viele Jahre in der politischen Diskussion keine Rolle, obwohl sie in Klimaszenarien weiterhin als wichtiger Baustein zur Erreichung der Klimaneutralität angesehen wurde.

Neue politische Rahmenbedingungen und Begrifflichkeiten

Das politische Comeback von CCS wurde maßgeblich durch die Ampelkoalition eingeleitet, die das Kohlendioxid-Speicherungsgesetz überarbeitete, eine Carbon-Management-Strategie entwickelte und eine Langfriststrategie für unvermeidbare Restemissionen vorlegte. Die Einführung des Oberbegriffs „Carbon Management“ ermöglichte die Integration verschiedener technologischer Ansätze, darunter neben CCS auch die Nutzung abgeschiedenen Kohlendioxids (Carbon Capture and Utilization, CCU) sowie Verfahren zur Entfernung von CO₂ aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR).

Haas erklärt: „Der Begriff Carbon Management ist politisch attraktiv, weil er CCS in einen breiteren Kontext stellt.“ Die Technologie werde nicht mehr isoliert als umstritten betrachtet, sondern als Bestandteil eines umfassenden Managementkonzepts. Dieser Perspektivwechsel spielte eine zentrale Rolle für die Wiederaufnahme von CCS in die klimapolitische Diskussion.

Verschiebung der Debattenfokusse

Die Diskussion verlagerte sich von der grundsätzlichen Frage nach dem Einsatz von CCS hin zur Debatte über den Umfang seiner Anwendung. Ursprünglich herrschte weitgehende Übereinstimmung darüber, dass CCS nur dort eingesetzt werden sollte, wo CO₂-Emissionen technisch nicht vermeidbar sind und die Vermeidung von Emissionen Vorrang hat.

Mit der Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes im Jahr 2025 wurden diese Einsatzbeschränkungen gelockert. Während weiterhin die Speicherung unter dem Meeresboden im Fokus steht, sind Kohlekraftwerke als Einsatzorte weitgehend ausgeschlossen, da sie bis 2038 stillgelegt werden sollen. Gleichzeitig plant die Bundesregierung den Ausbau zusätzlicher Kraftwerkskapazitäten von 12 Gigawatt, die bis 2045 „technologieoffen“ klimaneutral betrieben werden sollen. Dies könnte den Einsatz von CCS auch bei neuen Gaskraftwerken erleichtern und somit die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verlängern.

Notwendigkeit klarer Kriterien für den CCS-Einsatz

Die Studie identifiziert drei Hauptgründe für das Scheitern der ursprünglichen engen Einsatzgrenzen von CCS:

  • Uneinheitliche Positionen der Umweltverbände, die ihre politische Schlagkraft reduzierten
  • Verlust der öffentlichen Wahrnehmung, dass CCS nur unter strengen Bedingungen akzeptiert werden sollte
  • Schrittweise Aufweichung der Bedingungen im langwierigen politischen Entscheidungsprozess

Die Autoren empfehlen daher, den Einsatz von CCS an klar definierte Kriterien zu binden, insbesondere an eine verbindliche Festlegung, welche Emissionen als schwer vermeidbar gelten. Tobias Haas warnt: „Ohne klare Definition besteht die Gefahr, dass immer mehr Emissionen nachträglich als unvermeidbar eingestuft werden und der CCS-Einsatz kontinuierlich ausgeweitet wird.“

Die Rolle von CCS ist somit nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Frage, sondern eine politische Entscheidung über den zukünftigen Weg Deutschlands zur Klimaneutralität. Die Debatte um CCS verdeutlicht exemplarisch die Risiken, Technologien in den Mittelpunkt zu stellen, deren tatsächlicher Beitrag zum Klimaschutz bislang ungewiss ist und deren großflächiger Einsatz in der Zukunft noch nicht gesichert erscheint.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Tobias Haas
tobias.haas@rifs-potsdam.de


Originalpublikation:

Haas, T., Brad, A., Schneider, E., Hüttenhain, Z., & Koinzer, J. (2026). The renaissance of carbon capture and storage in Germany and the politics of conditionality. Environmental Politics, 1–28. https://doi.org/10.1080/09644016.2026.2700726