Unterschiedliche Reaktionen der alpinen Vegetation auf Klimawandel in Europas Gebirgsregionen

Unterschiedliche Reaktionen der alpinen Vegetation auf Klimawandel in Europas Gebirgsregionen

Unterschiedliche Reaktionen der alpinen Vegetation auf Klimawandel in Europas Gebirgsregionen

Eine umfassende Langzeitstudie, durchgeführt von einem internationalen Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie der Universität für Bodenkultur, untersucht die Veränderungen der alpinen Vegetation auf 53 europäischen Gipfeln. Die Analyse zeigt, dass wärmeliebende Pflanzenarten zunehmen, der Zusammenhang mit der lokalen Temperaturerhöhung jedoch überraschend schwach ausfällt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Ecology and Evolution veröffentlicht.

Studienaufbau und Datengrundlage

Das Forschungsteam wertete Daten von 724 Dauerbeobachtungsflächen aus, die über 21 Jahre hinweg im Rahmen des globalen Monitoringnetzwerks GLORIA viermal erfasst wurden. Die Flächen verteilen sich auf alle bedeutenden Gebirgsregionen Europas und bilden das bisher umfangreichste Monitoringprogramm zur Untersuchung der Auswirkungen des Klimawandels auf Berggipfelvegetation.

Ergebnisse und überraschende Befunde

  • Wärmeliebende Pflanzenarten treten heute häufiger auf als zu Beginn der Untersuchungen.
  • Die Temperaturen auf den beobachteten Gipfeln sind im Untersuchungszeitraum gestiegen.
  • Der direkte Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Zunahme wärmeliebender Arten auf lokaler Ebene ist jedoch gering.
  • Die Zusammensetzung der umgebenden Vegetation beeinflusst die Reaktion der alpinen Flora maßgeblich.

Johannes Hausharter, Biodiversitätsforscher an der Universität Wien und Erstautor der Studie, betont: „Die Vegetation verändert sich eindeutig, aber die Geschwindigkeit dieser Veränderungen wird nicht allein durch die Temperaturerhöhung bestimmt.“

Einfluss lokaler Faktoren

Die Untersuchung zeigt, dass lokale Umweltbedingungen den Einfluss der Temperatur auf die Vegetationsentwicklung überlagern. Insbesondere die Präsenz bereits vorhandener wärmeliebender Arten in der Umgebung spielt eine entscheidende Rolle für die Ausprägung der Thermophilisierung auf den einzelnen Beobachtungsflächen. Projektleiter Stefan Dullinger von der Universität Wien erklärt: „Die Reaktion der alpinen Vegetation auf den Klimawandel hängt nicht nur von der Temperaturerhöhung ab, sondern auch von der bestehenden Artenzusammensetzung.“

Klimawandel als übergeordneter Faktor

Obwohl lokale Bedingungen die Veränderungen modulieren, bleibt der Klimawandel der Haupttreiber. Bei Betrachtung größerer räumlicher Skalen zeigt sich ein klarer Zusammenhang: Regionen mit stärkerer Erwärmung weisen im Durchschnitt eine ausgeprägtere Zunahme wärmeliebender Pflanzen auf. Hausharter erläutert: „Mehr Erwärmung führt tendenziell zu mehr wärmeliebenden Arten, jedoch reagiert jeder Gipfel individuell.“

Bedeutung langfristiger Monitoringprogramme

Die Studie unterstreicht den Wert langfristiger und großflächiger Beobachtungen zur Erfassung der komplexen Dynamiken alpiner Ökosysteme. Harald Pauli, Leiter des GLORIA-Netzwerks, weist darauf hin, dass zur besseren Vorhersage der Biodiversitätsentwicklung in europäischen Hochgebirgen die Fortführung und Erweiterung solcher Programme notwendig ist, um die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und weiteren Einflussfaktoren zu erfassen.

Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse

  • Analyse von 724 Dauerbeobachtungsflächen auf 53 Gipfeln über 21 Jahre.
  • Zunahme wärmeliebender Pflanzenarten an vielen Standorten.
  • Schwacher direkter Zusammenhang zwischen lokalem Temperaturanstieg und Vegetationsveränderungen.
  • Wesentliche Rolle der vorhandenen umgebenden Vegetation für die Entwicklung der Artenzusammensetzung.
  • Klimawandel bleibt der dominierende Faktor für die beobachteten Veränderungen.

Kontaktinformationen der wissenschaftlichen Ansprechpartner

  • Johannes Hausharter, BSc. MSc
    Department für Botanik und Biodiversitätsforschung, Universität Wien
    Rennweg 14, 1030 Wien
    E-Mail: johannes.hausharter@univie.ac.at
  • Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan Dullinger
    Department für Botanik und Biodiversitätsforschung, Universität Wien
    Rennweg 14, 1030 Wien
    Telefon: +43-1-4277-54379
    E-Mail: stefan.dullinger@univie.ac.at

Literaturhinweis

Hausharter, J. et al. (2026): Widespread thermophilization but weak link to climate warming in Europe’s summit plant communities. Nature Ecology & Evolution. DOI: https://www.nature.com/articles/s41559-026-03150-x