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24.02.2026 08:13
Neuartige Solarzellen erfolgreich kommerzialisieren: Wenn Rekorde nicht reichen
Es ist nicht einfach, neue Technologien aus dem Labor auf den Markt zu bringen. Forschende und Firmen sind mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen an neue Entwicklungen konfrontiert und finden nicht immer einen gemeinsamen Weg. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Empa und weiterer Institutionen haben am Beispiel zweier neuer Solarzellen-Technologien analysiert, wo die grössten Gefahren lauern. Ihr Fazit: Forschung und Industrie müssen viel früher zusammenarbeiten.
Nicht jede Technologie, die im Labor Versprechen zeigt, schafft auch den Sprung auf den Markt. Konkurrenz durch bestehende Produkte, Herausforderungen bei der Skalierbarkeit und hohe Entwicklungs- und Produktionskosten gehören zu den häufigsten Hürden auf dem Weg von einer wissenschaftlichen Entdeckung zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Produkt.
Was können Forschende und Industrie tun, um die Erfolgsquote zu steigern? Dieser Frage ging ein Team aus Forschenden und Expertinnen und Experten aus der Industrie in einer Publikation in der Fachzeitschrift «Nature Energy» nach, und zwar am Beispiel von Solarzellen-Technologien. «Wir wollten verstehen, welche Voraussetzungen auf akademischer und auf Industrie-Seite erfüllt sein müssen, um eine Solarzelle zu entwickeln, die sich langfristig auf dem Markt behaupten kann», erklärt Empa-Forscherin Mirjana Dimitrievska, Erstautorin der Studie.
Die Forschenden haben zwei neuartige Materialien für Dünnschicht-Solarzellen analysiert: Kupfer-Indium-Gallium-Diselenid, bekannt unter der Abkürzung CIGS, sowie Perovskite. Beide Halbleiter eignen sich – zumindest in der Theorie – hervorragend für Solarzellen und erreichen im Labor bereits Rekordwerte in der Effizienz der Energieumwandlung. Will heissen: Sie konvertieren einen hohen Anteil vom einfallenden Sonnenlicht zu Strom, was sie zu vielversprechenden Materialien für nachhaltige Energieproduktion macht.
Zwei Technologien, ein Versprechen
Die Entwicklung der CIGS-Solarzellen erreichte ihren Höhepunkt in den 1990er- und 2000er-Jahren. Angetrieben von hohen Silizium-Preisen, wurde die Technologie als Alternative zu Silizium-Solarzellen erforscht. Die neuartigen Solarzellen setzten Effizienzrekorde, unter anderem an der Empa. Weltweit wurden Firmen gegründet und beachtliche öffentliche und private Investitionen getätigt. Doch dann brach die Entwicklung ein. Der relativ aufwändige und komplexe Herstellungsprozess der Zellen erwies sich für viele Firmen als zu teuer in der Skalierung – insbesondere, nachdem sich die Silizium-Preise wieder erholten. Die bereits etablierte Silizium-Technologie nahm Überhand über den CIGS-«Neuankömmling».
Solarzellen aus Perovskit werden erst seit rund 20 Jahren entwickelt. Auch sie erreichen hohe Effizienzwerte. Ausserdem lassen sie sich mit unterschiedlichen Verfahren herstellen, darunter potenziell kostengünstige Druckverfahren. Im Jahr 2025 wurden weltweit bereits über 500 Millionen US-Dollar in die vielversprechende Technologie investiert. Auch an der Empa werden Perovskit-Solarzellen entwickelt – und durch das Spin-off Perovskia Solar kommerzialisiert. Noch haben Solarzellen aus Perovskit aber keine weite Verbreitung gefunden, denn auch dieses neue Material bringt Herausforderungen mit sich. «Perovskite sind noch nicht sehr stabil», sagt Dimitrievska. «Sie reagieren sehr empfindlich auf Umwelteinflüsse.» Auch wurden Perovskit-Solarzellen, im Gegensatz zu denjenigen aus CIGS, noch kaum über längere Zeit unter reellen Umweltbedingungen getestet.
Mehr als Effizienz
Damit diese Schwächen der neuen Technologie nicht zum Verhängnis werden, haben Dimitrievska und ihre Ko-Autoren einige Empfehlungen formuliert. «Wir sollten aus unseren Fehlern lernen, insbesondere aus der Erfahrung mit der Kommerzialisierung von CIGS-Zellen», sagt die Forscherin. Konkret empfehlen die Autoren, sich auf Eigenschaften wie Widerstandsfähigkeit, Stabilität und Nachhaltigkeit des Materials anstelle auf weitere Effizienz-Rekorde zu fokussieren, und auch langfristige Feldstudien in Betracht zu ziehen. «Es ist der Industrie viel wichtiger, dass das Produkt eine lange Lebensdauer hat, zuverlässig ist und sich kostengünstig herstellen lässt, als ein paar Prozentpunkte mehr Effizienz», erläutert Dimitrievska. «In der Forschung werden aber vor allem Effizienzrekorde belohnt; sie führen zu hochkarätigen Publikationen und ziehen Forschungsgelder an.»
Um diese Diskrepanz zu überbrücken, müssten Forschung und Industrie bereits früher zusammenarbeiten, so die Studienautoren. Von der Industrie wünschen sich die Forschenden etwas mehr Offenheit. «Manchmal kommen wir mit einer Idee auf einen Industriepartner zu, und sie sagen uns, ‹Das haben wir schon vor zehn Jahren probiert, das funktioniert nicht›. Würden solche negativen Ergebnisse veröffentlicht, käme die Forschung viel schneller voran.»
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten ihrerseits die Bedürfnisse der Industrie möglichst früh miteinbeziehen, empfehlen die Autoren. «Forschungsinstitute wie die Empa sind besonders stark darin, da sie der Industrie in der Regel näher sind als Hochschulen», sagt Dimitrievska. «Finanzierungsinstrumente wie Innosuisse sind auch sehr wertvoll, da sie ganz konkrete Produktentwicklungen unterstützen.»
Die richtige Solarzelle für jede Anwendung
Obwohl Perovskit-Solarzellen noch einen langen Weg vor sich haben, ist die Forscherin optimistisch. «Es wird rege daran geforscht, die Herausforderungen der Perovskite zu überwinden», sagt sie. Auch die CIGS-Solarzellen erleben gerade einen neuerlichen Aufschwung. Die Rolle der beiden Dünnschicht-Technologien sehen Dimitrievska und ihre Ko-Autoren nicht als Konkurrenten von Silizium-Solarzellen, sondern als wertvolle Ergänzung. Mit Perovskiten und CIGS lassen sich Solarzellen herstellen, die leicht, biegsam und extrem dünn sind. Sie können überall dort zum Einsatz kommen, wo Silizium zu schwer und unflexibel ist, etwa beim Internet der Dinge, in der Mobilität oder bei smarten Textilien. Zunehmend werden auch sogenannte Tandem-Technologien entwickelt: Durch die Kombination von Silizium mit einer Dünnschicht aus CIGS oder Perovskit lässt sich die Effizienz von Solarzellen weiter steigern.
Investitionen in die neuen Technologien halten die Autoren daher weiterhin für wichtig und notwendig. «Silizium ist nicht der beste Halbleiter für Solarzellen», relativiert Dimitrievska. «Diese Technologie wird aber schon seit über 70 Jahren entwickelt und ist dank kontinuierlicher Forschung und Investitionen bereits sehr stark optimiert. Wenn Forschung und Industrie eng zusammenarbeiten, lässt sich das auch für Perovskite und CIGS erreichen.»
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Mirjana Dimitrievska
Empa, Transport at Nanoscale Interfaces
Tel. +41 58 765 45 32
mirjana.dimitrievska@empa.ch
Originalpublikation:
M Dimitrievska, E Saucedo, S De Wolf, BJ Stanbery,V Bermudez Benito: Lessons from copper indium gallium sulfo-selenide solar cells for progressing perovskite photovoltaics; Nature Energy (2026); https://doi.org/10.1038/s41560-025-01936-0
Bilder
Eine Solarzelle aus Perovskit. Die Dünnschichttechnologie ermöglicht die Herstellung von leichten un …
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Eine Dünnschicht-Solarzelle aus CIGS. CIGS-Solarzellen haben im Labor wiederholt Effizienzrekorde er …
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Elektrotechnik, Energie, Werkstoffwissenschaften, Wirtschaft
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
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