Akzeptanz von Windenergie hängt stärker von politischer Orientierung als von Stadt-Land-Unterschieden ab

Akzeptanz von Windenergie hängt stärker von politischer Orientierung als von Stadt-Land-Unterschieden ab

Akzeptanz von Windenergie: Politische Orientierung übertrifft Stadt-Land-Unterschiede

Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Energy Policy, zeigt, dass die Einstellung zum Ausbau der Windenergie stärker von der politischen Orientierung als vom Wohnort (Stadt oder Land) beeinflusst wird. Für die praktische Umsetzung von Windenergieprojekten sind insbesondere Vertrauen, transparente Informationen und als gerecht empfundene Verfahren entscheidend.

Untersuchung der Akzeptanzfaktoren

Jörg Radtke vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ analysierte anhand einer repräsentativen Umfrage unter 6.284 Personen aus Nordrhein-Westfalen, welche gesellschaftlichen Merkmale die Akzeptanz von Windenergie beeinflussen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die politische Einstellung eine wesentlich größere Rolle spielt als der Wohnort.

Der oft vermutete Gegensatz zwischen Stadt- und Landbewohnern erweist sich in der statistischen Auswertung als weniger relevant. So zeigen Befragte ohne AfD-Wahlabsicht in beiden Regionen ähnliche Zustimmungswerte zum Ausbau der Windenergie im eigenen Landkreis (ca. 3,6 auf einer Skala von 1 bis 5). Demgegenüber liegen die Werte bei Befragten mit AfD-Wahlabsicht in beiden Raumtypen bei etwa 1,5. Innerhalb der gleichen politischen Gruppe sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land gering. Selbst unter Berücksichtigung weiterer sozialer Faktoren bleibt die politische Orientierung der stärkste Einflussfaktor auf die lokale Akzeptanz.

Vertrauen und faire Verfahren als Schlüsselfaktoren

Neben der politischen Einstellung sind das Vertrauen in unabhängige Wissenschaft, Planungsbehörden, Politik, Medien sowie andere öffentliche Institutionen und die Wahrnehmung fairer Entscheidungsprozesse entscheidend für die Unterstützung von Windenergieprojekten. Die Einbeziehung dieser projektbezogenen Aspekte in die Analyse erklärt einen erheblich größeren Anteil der Unterschiede in der lokalen Zustimmung.

Ein faires Verfahren umfasst dabei mehrere Elemente: nachvollziehbare Standortentscheidungen, frühzeitige Beteiligungsmöglichkeiten und transparente Regelungen zu lokalen Vorteilen. Finanzielle Beteiligung kann ein Teil davon sein, sollte jedoch in ein glaubwürdiges Gesamtkonzept eingebettet werden.

Informationsbedürfnisse und Vertrauen

  • Unabhängig von der politischen Orientierung wünschen sich Befragte vor dem Bau von Windenergieanlagen Informationen zu erwarteten Geräuschbelastungen, genauen Standorten, Umweltauswirkungen und Schutzmaßnahmen.
  • Unterschiede zeigen sich beim Vertrauen in Informationsquellen: Personen ohne AfD-Wahlabsicht vertrauen häufiger Wissenschaft und Umweltorganisationen, während Befragte mit AfD-Wahlabsicht insgesamt weniger Vertrauen in institutionelle Akteure haben und eher verbindliche Konfliktlösungen wie Bürgerentscheide bevorzugen.
  • Politische Akteure und Windenergieunternehmen werden von allen Gruppen seltener als vertrauenswürdige Informationsquellen genannt.

Empfehlungen für die Planung von Windenergieprojekten

Die Ergebnisse legen nahe, dass Beteiligungs- und Kommunikationsstrategien nicht allein nach Stadt- oder Landlage eines Projekts ausgerichtet werden sollten. Stattdessen ist es wichtig, unterschiedliche Vertrauensverhältnisse und Präferenzen in der Beteiligung zu berücksichtigen.

  • Transparente Kriterien für Standortentscheidungen
  • Nachvollziehbare Regelungen zur lokalen Teilhabe an den Erträgen
  • Informationsvermittlung durch glaubwürdige und möglichst unabhängige Akteure
  • Kombination aus persönlichen Veranstaltungen und ergänzenden digitalen Angeboten, wobei Präsenzformate von allen Gruppen geschätzt werden

Die Studie betont, dass Akzeptanzfragen frühzeitig adressiert werden sollten, bevor Konflikte entstehen. Transparente Abläufe, glaubwürdige Informationen und faire Beteiligungsmöglichkeiten sind grundlegende Voraussetzungen für eine gesellschaftlich tragfähige Umsetzung des notwendigen Windenergieausbaus.

Gesellschaftliche Bedingungen für den Ausbau der Windenergie

Die Forschung unterstreicht, dass der Ausbau der Windenergie nicht nur eine technische oder administrative Herausforderung darstellt. Die Qualität der lokalen Governance, die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen sowie der Umgang mit Verteilungs- und Verfahrensfragen sind wesentliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Realisierung neuer Energieinfrastrukturen.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Prof. Dr. Jörg Radtke
E-Mail: joerg.radtke@thi.de


Quelle der Studie

Radtke, J. (2026). Gaps in mind: Political and spatial cleavages in local onshore wind attitudes in Germany. Energy Policy, Artikel 115475. https://doi.org/10.1016/j.enpol.2026.115475