
Invasive Nilgans: Opportunistische Ernährung und vielfältige Parasiten
Die Nilgans (Alopochen aegyptiaca), ursprünglich aus Afrika stammend, zählt zu den invasiven Arten von europaweiter Bedeutung. Wissenschaftler des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums sowie der Goethe-Universität Frankfurt haben über einen Zeitraum von vier Jahren die ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen ihrer Ausbreitung untersucht. Dabei wurden 100 Nilgänse aus der Wetterau analysiert, wobei eine überwiegend pflanzliche, opportunistische Ernährung sowie eine überraschend breite Parasitenvielfalt festgestellt wurden. Sieben Parasitenarten konnten erstmals bei Nilgänsen in Europa nachgewiesen werden. Die Ergebnisse sind Teil des Verbundprojekts ZOWIAC.
Bestandsaufnahme und Verbreitung
Zwischen 2017 und 2022 wurden bundesweit zwischen 11.000 und 15.500 Nilgans-Paare in Deutschland erfasst. Die Art wurde zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert als Zier- und Parkvogel nach Europa eingeführt und steht seit 2017 auf der EU-Liste invasiver Arten von unionsweiter Bedeutung. In Hessen sind Nilgänse mittlerweile allgegenwärtig, sowohl in städtischen Parks und Freibädern als auch auf landwirtschaftlichen Flächen, beispielsweise in der Wetterau. Dort können durch die hohe Dichte der Tiere Konflikte entstehen. Gleichzeitig mangelt es an belastbaren Daten, um die Auswirkungen der wachsenden Population fundiert zu bewerten und geeignete Managementstrategien zu entwickeln. Der Schutz heimischer Ökosysteme vor invasiven Arten ist sowohl im Bundesnaturschutzgesetz als auch auf EU-Ebene vorgeschrieben, betont Prof. Dr. Sven Klimpel vom Senckenberg Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt.
Untersuchungsmethodik und Ernährung
Im Rahmen des Projekts ZOWIAC wurden jährlich 25 Nilgänse aus der Wetterau nahe Nieder-Wöllstadt und Dortelweil untersucht. Die Proben stammten aus der regulären Bejagung und wurden hinsichtlich Ernährung und Parasitenbefall analysiert. Das Untersuchungsgebiet ist durch landwirtschaftliche Nutzung, insbesondere Maisfelder, geprägt und erstreckt sich entlang des Flusses Nidda.
Zur Erfassung der Ernährung wurde der Kropfinhalt der Vögel untersucht, da die Nahrung dort noch weitgehend unverdaut vorliegt und somit Rückschlüsse auf das Fressverhalten erlaubt. Die Analyse zeigte, dass Mais, Getreide und Gräser den Hauptbestandteil der Nahrung ausmachen. Obwohl Nilgänse als überwiegend vegetarisch gelten, wurden auch tierische Bestandteile wie Regenwürmer und Muschelreste nachgewiesen. In einem Untersuchungsjahr fanden sich zudem Erdbeeren im Kropf, die zum Zeitpunkt der Probenahme noch nicht natürlich reif waren, was auf eine menschliche oder alternative Nahrungsquelle hindeuten könnte.
Die Untersuchung verdeutlicht, dass Nilgänse in bestimmten Phasen intensiv anthropogene Ressourcen nutzen. So bestand fast die Hälfte der Kropfinhalte aus Mais, was 58 % des Gesamtgewichts der Nahrung entspricht. Im Zeitraum 2021/2022 wurde Mais bei 95 % der untersuchten Tiere nachgewiesen. Prof. Klimpel erläutert, dass Nilgänse vor allem die verfügbaren und leicht zugänglichen Nahrungsquellen nutzen. Während sporadische Nutzung keine großen Schäden verursacht, können hohe Ansammlungen auf landwirtschaftlichen Flächen zu Konflikten führen. Negative Auswirkungen auf Ernteerträge sind aus dem ursprünglichen Verbreitungsgebiet der Nilgans bereits bekannt.
Parasitenbefall und ökologische Bedeutung
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie lag auf der Untersuchung von Ekto- und Endoparasiten. Parasiten können durch ihre spezifischen Lebenszyklen als Indikatoren für Ernährung und Lebensweise der Wirte dienen. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Nilgänse wurde der Kratzwurm Polymorphus minutus nachgewiesen, ein Dünndarmparasit von Wasservögeln, der Flohkrebse als Zwischenwirte benötigt. Dies weist darauf hin, dass die Nilgänse diese Zwischenwirte aufgenommen haben. Insgesamt wurden 17 Parasitenarten identifiziert, von denen sieben erstmals bei Nilgänsen in Europa dokumentiert wurden.
Die Ergebnisse zeigen, dass Nilgänse nicht nur in urbanen Bereichen Konflikte verursachen, sondern auch landwirtschaftliche Flächen als Nahrungsquelle nutzen, was wirtschaftliche Risiken birgt. Zudem können die Vögel Parasiten beherbergen, die für Haus- und Zuchtgeflügel relevant sind. Um die Dynamik von Ernährung und Parasitenbefall besser zu verstehen, sind ganzjährige Untersuchungen notwendig, da diese Faktoren saisonal, habitatsabhängig und klimatisch variieren können, so Prof. Klimpel.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
- Prof. Dr. Sven Klimpel
Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum
Goethe-Universität Frankfurt
Telefon: 069 798 42237
E-Mail: sven.klimpel@senckenberg.de, klimpel@bio.uni-frankfurt.de
Literaturhinweis
Schantz A.V., Stutz R., Steinhoff A., Peter N., Thomas A., Dörge D.D., Klimpel S. (2026): Multi-year dietary and parasitological investigations of invasive Egyptian geese (Alopochen aegyptiaca) in central Germany. International Journal for Parasitology: Parasites and Wildlife, 101288. https://doi.org/10.1016/j.ijppaw.2026.101288




