
Einfluss von Wurmmitteln auf Nahrungsketten bei Weidetieren
Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) sowie der Universität Trier haben erstmals nachgewiesen, dass ein häufig verwendetes Wurmmittel für Weidetiere nicht nur einzelne Pflanzen und Insekten beeinträchtigt, sondern ganze ökologische Netzwerke verändert. Im Fokus stand der Wirkstoff Moxidectin, der im Präparat Cydectin® enthalten ist und von Landwirtinnen und Landwirten zur Parasitenbekämpfung bei Weidetieren eingesetzt wird.
Bekannte Effekte einzelner Arten und neue Erkenntnisse
Vorangegangene Studien zeigten bereits, dass Wurmmittel das Keimverhalten von Samen typischer Grünlandpflanzen beeinflussen können. Ebenso leiden Käfer- und Fliegenlarven, die im Kot behandelter Tiere leben, unter verringerten Überlebensraten. Die Auswirkungen auf das Zusammenspiel verschiedener Arten innerhalb von Nahrungsketten wurden bislang jedoch nicht untersucht.
Verbreitung des Wirkstoffs in der Umwelt
Wurmmittel werden eingesetzt, um die Gesundheit der Weidetiere zu sichern und wirtschaftliche Verluste zu vermeiden. Moxidectin, ein makrozyklischer Lakton mit langanhaltender Wirkung, wird vom Organismus der Tiere kaum abgebaut. Ein Großteil des Wirkstoffs gelangt daher über den Kot in den Boden oder wird über Gülle und Festmist auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht.
Experimentelle Untersuchung einer Nahrungskette
Die Forschenden rekonstruierten in einem einfachen Modell eine Nahrungskette mit drei Arten: der Kultur-Erdbeere, der Grünen Pfirsichblattlaus und der Hainschwebfliege. Die Erdbeerpflanze diente als Nahrungsquelle für die Insekten. Blattläuse saugten Pflanzensaft, während die Schwebfliegenlarven die Blattläuse fraßen. Die ausgewachsenen Schwebfliegen ernährten sich von Pollen und Nektar der Blüten.
Die Versuchsanordnung umfasste insektendichte Käfige, in denen Erdbeerpflanzen entweder in wurmmittelbelasteter Erde oder in unbelasteter Kontrollerde standen. Anschließend wurden Fruchtbildung, Blattlauspopulationen und Eiablage der Schwebfliegen erfasst.
Ergebnisse der Studie
- Unter Einfluss des Wurmmittels reduzierten sich die Erdbeerfrüchte um etwa 25 %.
- Die Blattlauspopulationen vermehrten sich um das Zehnfache, allerdings nur in Abwesenheit von Schwebfliegenlarven.
- Die Abwehrmechanismen der Pflanzen gegen Blattläuse scheinen durch das Wurmmittel geschwächt zu werden.
- Weibliche Schwebfliegen, die Blüten von wurmmittelbehandelten Pflanzen besuchten, legten viermal mehr Eier, die jedoch ungleichmäßig in der Größe waren und optisch weniger vital wirkten, was den Fortpflanzungserfolg beeinträchtigen könnte.
Dr. Andrés García betont: „Die Ergebnisse verdeutlichen, wie stark ein einzelnes Tierarzneimittel das Zusammenspiel zwischen Pflanzen und Insekten beeinflussen kann. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei der Bewertung von Tierarzneimitteln nicht nur einzelne Arten, sondern gesamte ökologische Beziehungen zu berücksichtigen.“
Ausblick und weitere Forschung
Die genauen Mechanismen, durch die das Wurmmittel diese Effekte hervorruft, sind noch nicht vollständig geklärt. Zukünftige Studien sollen den Beitrag von Moxidectin, weiteren Inhaltsstoffen und deren Abbauprodukten analysieren sowie deren Weitergabe innerhalb der Nahrungskette untersuchen. Die Autorinnen und Autoren fordern eine stärkere Berücksichtigung komplexer ökologischer Wechselwirkungen bei der Umweltbewertung von Tierarzneimitteln.
Publikation und Kontakt
Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Science of the Total Environment veröffentlicht:
García A, Diekötter T, Sabu J, Greene LO, Kuhtz L, Donath TW, Eichberg C (2026): Effects of a formulation of the veterinary drug moxidectin on the performance of a plant-insect food chain. Science of the Total Environment 1031, 181822.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
- Dr. Andrés García
Abteilung Landschaftsökologie
Institut für Natur- und Ressourcenschutz
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
agarcia@ecology.uni-kiel.de - Dr. Carsten Eichberg
Abteilung Geobotanik
Raum- und Umweltwissenschaften
Universität Trier
eichberg@uni-trier.de
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