Veränderungen im Verhalten von Wildtieren während der russischen Besetzung der Tschernobyl-Sperrzone

Veränderungen im Verhalten von Wildtieren während der russischen Besetzung der Tschernobyl-Sperrzone

Veränderungen im Verhalten von Wildtieren in der Tschernobyl-Sperrzone während der russischen Besetzung

Ein internationales Forscherteam hat erstmals untersucht, wie sich ein bewaffneter Konflikt auf das Verhalten von Wildtieren auswirkt. Im Fokus stand die russische Besetzung der Tschernobyl-Sperrzone im Jahr 2022. Mithilfe von Kamerafallen dokumentierten die Wissenschaftler*innen Veränderungen in der Tag- und Nachtaktivität von Rotwild, Rehen, Füchsen und Wildschweinen, die auf die Kriegshandlungen zurückzuführen sind. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

Hintergrund und Forschungsansatz

Die Tschernobyl-Sperrzone erstreckt sich über eine Fläche von etwa 2.600 km² und wurde nach der Nuklearkatastrophe von 1986 aufgrund der radioaktiven Kontamination weitgehend menschenleer. Dies führte zu einer Zunahme der Wildtierpopulationen und zur Rückkehr ehemals ausgestorbener oder stark dezimierter Arten wie Braunbären, Luchsen, Elchen und Rothirschen. In den 1990er-Jahren erfolgte zudem die Wiederauswilderung des europäischen Bisons und des gefährdeten Przewalski-Pferds.

Die russische Militärbesetzung der Sperrzone dauerte vom 24. Februar bis zum 1. April 2022. Bereits seit 2021 überwachten Forschende die Tierpopulationen mithilfe von Kamerafallen. Nach dem Abzug der Truppen konnten die Daten von 31 Kamerafallen ausgewertet werden, unterstützt durch ukrainische Streitkräfte, die das Gebiet von Minen befreiten.

Methodik der Verhaltensanalyse

  • Kamerafallen mit Infrarot-Sensoren zeichneten vom 19. Januar bis 6. Mai 2022 kontinuierlich Tieraktivitäten auf – vor, während und nach der Besetzung.
  • Die Daten wurden mit Aufnahmen aus dem Vorjahr (19. Januar bis 21. März 2021) verglichen.
  • Ein Konfliktintensitätsindex wurde anhand von Interviews und militärischen Ereignissen wie Konvois, Schießübungen und Luftangriffen erstellt und auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet.
  • Weitere Einflussfaktoren wie Niederschlag, Nähe zu Straßen und thermische Anomalien (z.B. Waldbrände) wurden berücksichtigt.

Ergebnisse: Anpassungen in den Aktivitätsmustern

Die Analyse umfasste elf Tierarten. Entgegen der ursprünglichen Annahme, dass Wildtiere aufgrund der Störungen vermehrt nachtaktiv werden, zeigten sich artspezifische Unterschiede:

  • Rothirsche und Rotfüchse verringerten ihre nächtliche Aktivität während der Besetzung und verlagerten diese verstärkt auf den Tag.
  • Die Sichtungen von Rehen nahmen insgesamt ab, während Rotwild bei steigender Konfliktintensität häufiger registriert wurde.
  • Feldhasen und Rotwild reagierten auf thermische Anomalien, insbesondere auf konfliktbedingte Waldbrände, mit erhöhter nächtlicher Aktivität.

Prof. Dr. Marco Heurich von der Universität Freiburg betont, dass diese Veränderungen auf einen grundlegenden Wandel im Ökosystem der Sperrzone hindeuten: Von einer sich von der Reaktorkatastrophe erholenden Landschaft hin zu einer militarisierten Umgebung mit veränderten Lebensraum- und Verhaltensmustern der Wildtiere.

Vorherige Forschung zur Artenvielfalt in der Sperrzone

Bereits vor der russischen Besetzung untersuchten Dr. Svitlana Kudrenko und Prof. Heurich mit Kamerafallen den Einfluss menschlicher Aktivität auf die Artenvielfalt und Besiedlungswahrscheinlichkeit in der Tschernobyl-Sperrzone sowie in angrenzenden Naturschutzgebieten. Die Ergebnisse zeigten, dass die große, zusammenhängende Sperrzone eine höhere Artenvielfalt aufweist als kleinere, fragmentierte Schutzgebiete. Dies deutet darauf hin, dass kleine Schutzgebiete für Arten mit großen Streifgebieten nicht ausreichend sind.

Publikationen und Projektinformationen

  • Hauptpublikation: Svitlana Kudrenko et al., „Changes in wildlife activity patterns in response to war in Ukraine“, Science 392, 1282-1286 (2026). DOI: 10.1126/science.aed1493
  • Vorherige Studie zur Sperrzone: Kudrenko et al., „The Chornobyl Exclusion Zone as a wildlife refuge: restricted human access shaped mammal recolonization“, Proceedings of the Royal Society B, 293(2071), 20253151 (2026). DOI: 10.1098/rspb.2025.3151
  • Das Forschungsprojekt „Wilde Polesie“ wird von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt koordiniert und durch das Endangered Landscapes & Seascapes Programme unterstützt.

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