EnStadt:Pfaff – Entwicklung eines klimaneutralen Stadtquartiers in Kaiserslautern
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE hat gemeinsam mit sieben Partnern die Umwandlung eines ehemaligen Industrieareals in Kaiserslautern in ein klimaneutrales Quartier maßgeblich begleitet. Das Projekt befindet sich nur etwa zwei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt auf dem Gelände, auf dem zuvor über 150 Jahre lang Nähmaschinen der Firma Pfaff hergestellt wurden. Vier bestehende Gebäude wurden modernisiert und sind bereits in Betrieb, während die Neubebauung des Areals begonnen hat. Am 12. Mai 2026 wurde die Energiezentrale des Quartiers offiziell eröffnet, was einen wichtigen Fortschritt für das Leuchtturmprojekt „EnStadt:Pfaff“ darstellt.
Energiezentrale als Kern der Wärmeversorgung
Die Energiezentrale bildet das zentrale Element der Wärmeversorgung im Quartier. Dort wird Niedertemperaturwärme mit einer Vorlauftemperatur von etwa 65 °C verteilt, die hauptsächlich aus dem Rücklauf der städtischen Fernwärme stammt. Zusätzlich wird Abwärme von Kältemaschinen in das Wärmenetz eingespeist. Ein integriertes Labor widmet sich der Erforschung des bidirektionalen Ladens von Elektrofahrzeugen. Das kubisch gestaltete Gebäude verfügt über eine innovative Photovoltaikfassade mit roter MorphoColor®-Beschichtung, eine vom Fraunhofer ISE entwickelte Technologie, die eine hohe Effizienz der farbigen PV-Module gewährleistet.
Ganzheitlicher Forschungsansatz seit 2017
Seit Beginn des Projekts im Jahr 2017 verfolgt EnStadt:Pfaff einen umfassenden Ansatz, um Technologien und Erfolgsfaktoren für klimaneutrale Quartiere zu erforschen und zu erproben. Neben der klimafreundlichen Energieversorgung und Gebäudetechnik wurden auch nachhaltige Mobilitätslösungen, nutzerorientierte Digitalisierungskonzepte sowie sozialwissenschaftliche Fragestellungen untersucht. Gerhard Stryi-Hipp, wissenschaftlicher Leiter am Fraunhofer ISE, betont, dass klimaneutrale Quartiere eine sorgfältige Planung und den Einsatz innovativer Technologien erfordern, die zu einem effizienten Gesamtsystem kombiniert werden müssen. Prof. Dr. Peter Schossig, Bereichsleiter Wärme und Gebäude am Fraunhofer ISE, hebt die Bedeutung interdisziplinärer Reallabor-Projekte wie EnStadt:Pfaff hervor, um praxisnahe und anwendungsreife Lösungen zu entwickeln.
Digitale Werkzeuge zur Optimierung von Planung und Betrieb
Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE aus Kaiserslautern war ebenfalls am Projekt beteiligt. Dr. Frank Elberzhager, Teilprojektleiter am IESE, erläutert, dass digitale Lösungen sowohl die Effizienz in Planung und Betrieb klimaneutraler Quartiere steigern als auch klimafreundliches Verhalten und das Zusammenleben der Bewohner unterstützen. Im Rahmen von EnStadt:Pfaff wurden daher Plattformlösungen und digitale Dienste entwickelt, die beispielsweise die Nutzung lokaler Mobilitätsangebote fördern.
Erneuerbare Energien und Bebauungsplan
Das 19 Hektar große Pfaff-Quartier umfasst Wohn-, Dienstleistungs- und Gewerbeflächen. Aufgrund der dichten Bebauung ist eine vollständige Versorgung mit vor Ort erzeugten erneuerbaren Energien nicht möglich. Das Energiekonzept sieht daher vor, vorhandene Energiequellen optimal zu nutzen. Im Bebauungsplan ist die Installation von Solaranlagen auf den Dächern verbindlich vorgeschrieben, ebenso wie die Anlage von Gründächern zur Reduzierung von Überschwemmungsrisiken. Die Solarstromanlagen können etwa 40 % des jährlichen Strombedarfs des Quartiers decken.
Reallabor-Zentrum und Wissensvermittlung
Auf dem Pfaff-Gelände wurde ein Reallabor-Zentrum eingerichtet, das die Projektergebnisse insbesondere an Planer und Umsetzer von Quartieren weitergibt. Eine Ausstellung veranschaulicht die Entwicklungsschritte klimaneutraler Quartiere mithilfe von Augmented Reality. Ein Besucherpfad mit Online-Audioguide ermöglicht es Interessierten, die im Projekt demonstrierten Technologien vor Ort zu erkunden. Die Webseite https://pfaffquartier-klimaneutral.de stellt die Ergebnisse zielgruppengerecht dar.
Projektförderung und Zielsetzung
Das Projekt „EnStadt:Pfaff“ wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) sowie dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFT) als eines von sechs bundesweiten Leuchtturmvorhaben gefördert. Es ist als Reallabor konzipiert, in dem die Stadt Kaiserslautern gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft praxisnahe Lösungen für die Entwicklung klimaneutraler Quartiere erarbeitet und demonstriert.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Gerhard Stryi-Hipp
Klimaneutrale Städte und Quartiere
Tel.: +49 761 4588-8585
E-Mail: gerhard.stryi-hipp@ise.fraunhofer.de



