

Pyrofactin als Wirkstoff des Jahres 2026 ausgezeichnet
Im Rahmen der Leibniz-Wirkstofftage am 28. und 29. April 2026 in Aachen wurde das Peptid Pyrofactin zum Wirkstoff des Jahres gewählt. Die Entdeckung und Untersuchung dieses Moleküls erfolgte durch ein Forscherteam des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (Leibniz-HKI) sowie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Wissenschaftler konnten die Funktion von Pyrofactin in einem bislang unbekannten bakteriellen Frühwarn- und Abwehrsystem entschlüsseln.
Natürliche Wirkstoffe als Ursprung neuer Substanzen
Wirkstoffe entstehen selten isoliert im Labor, sondern häufig aus Naturstoffen, die Mikroorganismen im Austausch mit ihrer Umwelt produzieren. Die Funktionen dieser Moleküle im natürlichen Kontext sind jedoch oft wenig erforscht. Die ausgezeichnete Studie, entstanden im Rahmen des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“, zeigt die Bedeutung, Naturstoffe nicht nur als potenzielle Arzneimittel, sondern auch im Zusammenspiel mikrobieller Gemeinschaften zu betrachten.
Entdeckung eines neuartigen bakteriellen Abwehrmechanismus
Im Fokus der Forschung steht die Interaktion zwischen dem Bakterium Pseudomonas syringae und der räuberischen Amöbe Polysphondylium pallidum. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass das Bakterium ein chemisches Erkennungssystem nutzt, um Fressfeinde zu detektieren und gezielt zu eliminieren. Dabei setzt Pseudomonas syringae den Naturstoff Syringafactin ein, der in der Umgebung freigesetzt wird. Wird dieser Stoff von der Amöbe chemisch modifiziert, erkennt das Bakterium die veränderten Moleküle über ein spezielles Sensorprotein als Warnsignal. Daraufhin aktiviert es Abwehrmechanismen und produziert Pyrofactin, eine Substanz, die für die Amöben tödlich ist.
Innovative Forschungsansätze und Bedeutung für die Wirkstoffentwicklung
Das Team unter Leitung von Prof. Dr. Pierre Stallforth, stellvertretender Direktor des Leibniz-HKI und Professor an der Universität Jena, konnte diesen bisher unbekannten Mechanismus aufklären und Pyrofactin als neue chemische Struktur identifizieren. Diese Entdeckung illustriert einen innovativen Ansatz, der die Dynamik von Naturstoffen im Kontext mikrobieller Interaktionen untersucht, um bislang unentdeckte bioaktive Substanzen zu finden. Solche Naturstoffe könnten zukünftig als Grundlage für neue Medikamente oder im Pflanzenschutz eingesetzt werden.
Potenziale für zukünftige Wirkstoffforschung
Prof. Stallforth betont, dass die Veränderlichkeit und Funktion von Naturstoffen ein großes, bislang wenig genutztes Potenzial für die Entdeckung neuer bioaktiver Verbindungen bietet. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit am Leibniz-HKI ermöglicht es, komplexe mikrobielle Wechselwirkungen zu entschlüsseln. Der Exzellenzcluster „Balance of the Microverse“ sowie der Sonderforschungsbereich ChemBioSys fördern diese integrative Forschung gezielt.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
- Prof. Dr. Pierre Stallforth
Abteilungsleiter Paläobiotechnologie
E-Mail: pierre.stallforth@leibniz-hki.de
https://www.leibniz-hki.de/de/palaeobiotechnologie.html
Referenz der Originalpublikation
Zhang S, Schlabach K, Pérez Carrillo VH, et al. (2025): A chemical radar allows bacteria to detect and kill predators. Cell 188(9): 2495–2504.e20. https://doi.org/10.1016/j.cell.2025.02.033



