Fehlregulierung des Immunsystems unterscheidet Depression und Psychose im jungen Erwachsenenalter



Teilen: 

24.02.2026 14:13

Literature advertisement

Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

Hier geht es weiter …

Fehlregulierung des Immunsystems unterscheidet Depression und Psychose im jungen Erwachsenenalter

In frühen Phasen der beiden psychischen Erkrankungen weisen Patient*innen oft bestimmte Entzündungswerte im Blut und Veränderungen in der grauen Substanz des Gehirns auf. Ein besseres Verständnis dieser Biomarker eröffnet neue diagnostische Optionen und therapeutische Maßnahmen / Veröffentlichung in „JAMA Psychiatry“

In frühen Krankheitsphasen von Depression und Psychose zeigen sich bei Patient*innen häufig veränderte Entzündungsmarker im Blut sowie strukturelle Veränderungen der Grauen Hirnsubstanz. Das ist das Ergebnis der internationalen Studie „Multivariate Brain-Blood Signatures in Early-Stage Depression and Psychosis“, die im Fachjournal JAMA Psychiatry erschienen ist. Obwohl die Diagnosestellung weiterhin überwiegend auf klinischen Symptomen basiert, stehen diese biologischen Marker schon länger mit depressiven und psychotischen Störungen in Verbindung und liefern wichtige zusätzliche Hinweise auf zugrunde liegende Krankheitsmechanismen. Die aktuelle Studie belegt, dass bereits in frühesten Stadien dieser Erkrankungen grundsätzlich unterschiedliche Entzündungs- und Gehirnsignaturen festzustellen sind. Das Ergebnis ermöglicht frühzeitige therapeutische Intervention und kann somit dazu beitragen, das Risiko eines schweren Verlaufs zu reduzieren.

Das Forschungsteam wurde geleitet von Dr. Dr. David Popovic am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, PD Dr. Lana Kambeitz-Ilankovic an der Universitätsmedizin Köln und Professorin Dr. Rachel Upthegrove an der Oxford-Universität. Die Studie beruht auf dem von der Europäischen Union von 2014 bis 2019 mit sechs Millionen Euro geförderten Projekt PRONIA (Personalised Prognostic Tools for Early Psychosis Management, Leitung: Professor Dr. Nikolaos Koutsouleris, LMU München). Das Projekt hat neuartige Vorhersagetools beziehungsweise Prädiktionsmodelle entwickelt, um den Ausbruch psychischer Erkrankungen mit größerer Genauigkeit vorherzusagen.

Im Rahmen der aktuellen Studie führten die Wissenschaftler*innen zwischen 2013 und 2018 an verschiedenen Standorten in Deutschland, Italien, der Schweiz, Finnland und dem Vereinigten Königreich an 678 ausgewählten Proband*innen aus der PRONIA-Studie weitere Untersuchungen durch, um die Rolle von Entzündungsbiomarkern und der Hirnstruktur in frühen Krankheitsphasen zu untersuchen. Die Studie umfasste Personen mit kürzlich aufgetretener Depression oder Psychose und klinisch hochriskanten Zuständen für die Entwicklung einer Psychose, die bislang nur minimal mit Medikamenten behandelt wurden, sowie gesunden Kontrollpersonen.

Die Forschenden untersuchten dabei Entzündungssignaturen im Blut und im Gehirn: Dazu gehörten unterschiedliche Werte von Zytokinen – Proteinen, die die Interaktion und Kommunikation zwischen Zellen beeinflussen, unter anderem in der Immunreaktion bei Entzündungen. Zur Messung von Hirn-Signaturen dienten MRT-Bildgebungsverfahren, um das Volumen der Grauen Substanz im Gehirn zu bestimmen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf limbischen Hirnregionen, die hauptsächlich für die Verarbeitung von Emotionen zuständig sind.

Die Studie zeigte: Patient*innen in den frühen Phasen beider Krankheiten wiesen ein komplexes, aber für die jeweilige Krankheit weitgehend konsistentes Muster verschiedener Zytokin-Werte auf. Überraschend war, dass die Depressions- und die Psychose-Signatur selbst in diesen frühesten Krankheitsstadien keine Gemeinsamkeiten aufweisen, weder im Gehirn noch in den Entzündungsmarkern. Darüber hinaus beobachteten die Forschenden nur bei der Psychose-Signatur Hinweise auf eingeschränkte kognitive Fähigkeiten, während bei der Depressions-Signatur keine kognitiven Defizite festzustellen waren. Insgesamt zeigten sich über alle erhobenen Daten und Analysen hinweg klare, massive Unterschiede zwischen Depression und Psychose ohne Schnittmengen.

„Diese Signaturen eröffnen neue Ansätze für sowohl biologisch als auch psychosozial fundierte frühe Interventionen bei Depression und Psychose. Das ebnet den Weg für maßgeschneiderte Therapien, je nachdem, ob sich die junge Person in einer Depressions- oder Psychose-Entwicklungskurve befindet“, sagt Erstautor David Popovic.

Lana Kambeitz-Ilankovic fügt hinzu: „Unser Befund soll die etablierte klinische Diagnose auf der Basis von Symptomen und Behandlung, die auch die psychosoziale Situation von Patient*innen berücksichtigt, nicht ersetzen. Doch unsere Befunde zu den jeweiligen Biomarkern könnten Behandler*innen in der Zukunft eine bessere Abgrenzung beider Erkrankungen schon in einer sehr frühen Phase ermöglichen.“ Dies erleichtere eine passgenaue Behandlung und könne das Risiko einer Chronifizierung senken.

Um eine geeignete therapeutische Intervention für diese Patient*innengruppen zu finden, seien jedoch noch weitere Forschung notwendig. Das Forschungsteam plant derzeit weitere Forschungen mithilfe sogenannter Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), um die Entzündung im Gehirn noch genauer zu untersuchen und zu bestimmen, wie stabil die jeweiligen Signaturen über die Zeit bleiben.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

PD Dr. Lana Kambeitz-Ilankovic
Psychologische Leitung des Früherkennungs- und Therapiezentrums für psychische Krisen (FETZ), Uniklinik Köln
lana.kambeitz-ilankovic@uk-koeln.de


Originalpublikation:

https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2842841


Bilder


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Medizin, Psychologie
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch


 

Quelle: IDW