
Finanzielle Machbarkeit der Wärmewende für Haushalte mit geringem Einkommen
Eine aktuelle Untersuchung des Öko-Instituts im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität analysiert die Verteilung des Investitionsbedarfs der Wärmewende auf verschiedene Haushaltstypen und identifiziert dabei besonders belastete Gruppen. Die Studie zeigt, dass der jährliche Gesamtbedarf von 86 Milliarden Euro volkswirtschaftlich tragbar ist, wobei etwa die Hälfte der Kosten auf ohnehin notwendige Instandhaltungsmaßnahmen entfällt. Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 2.000 Euro sind jedoch nicht in der Lage, ihren Anteil eigenständig zu finanzieren. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Stiftung Anpassungen der Fördermechanismen.
Wärmeversorgung als öffentliche Aufgabe
Langfristig sollte die Wärmeversorgung stärker als öffentliche Daseinsvorsorge gestaltet werden, um Investitionsrisiken zu bündeln und allen Haushalten bezahlbare Lösungen zu bieten. Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität, betont: „Die Wärmewende ist eine große, aber realisierbare Herausforderung. Obwohl 86 Milliarden Euro jährlich hoch erscheinen, liegt das Bauvolumen der Branche 2024 bei 190 Milliarden Euro. Nur ein Drittel des Investitionsbedarfs betrifft den Heizungstausch. Das Hauptproblem ist die ungleiche Kostenverteilung. Haushalte mit weniger als 2.000 Euro netto müssten über 20 Prozent ihres Einkommens für Heizung und Gebäudesanierung aufwenden, was nicht tragbar ist. Ohne Investitionen verbleiben sie bei fossilen Heizsystemen und sehen steigende Kosten.“
Methodik der Studie
Die Untersuchung basiert auf dem Szenario „Klimaneutrales Deutschland“ der Agora Think Tanks, das in das Gebäudebestandsmodell des Öko-Instituts integriert und mit Daten des Zensus 2022 sowie des Mikrozensus verknüpft wurde. Dadurch konnte der Investitionsbedarf auf 20 verschiedene Haushaltstypen differenziert nach Gebäudetyp, Wohnform und Einkommen aufgeschlüsselt werden. Die finanzielle Belastung wurde anhand der über 20 Jahre abgeschriebenen Investitionen im Verhältnis zum Nettoeinkommen berechnet. Für Mietobjekte wurde angenommen, dass die Kosten vollständig auf die Mieter umgelegt werden.
Gesamtinvestitionen und deren Verteilung
- Bis 2045 werden Investitionen von 1.170 Milliarden Euro in Wohngebäude und 639 Milliarden Euro in Nichtwohngebäude im Gewerbe-, Handels- und Dienstleistungssektor (GHD) benötigt, was einem jährlichen Bedarf von rund 86 Milliarden Euro entspricht.
- Diese Summe ist im Vergleich zum Bauvolumen von 190 Milliarden Euro im Jahr 2024 wirtschaftlich realisierbar.
- Nur 37 Prozent des Investitionsbedarfs bei Wohngebäuden entfallen auf den Heizungstausch.
- Etwa die Hälfte der Gesamtkosten (46 Prozent bei Wohngebäuden, 56 Prozent bei Nichtwohngebäuden) betrifft Instandhaltungsmaßnahmen, die unabhängig von der Wärmewende notwendig sind, wie die Erneuerung von Dächern, Fassaden und Fenstern.
- Die Wärmewende wird kosteneffizienter, wenn diese Erneuerungen konsequent für Klimaschutzmaßnahmen genutzt werden.
Finanzielle Überforderung einkommensschwacher Haushalte
Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.000 Euro müssen bis 2045 insgesamt 286 Milliarden Euro investieren. Die daraus resultierende Belastung übersteigt mit über 20 Prozent des Einkommens die als tragbar eingestufte Grenze von 10 Prozent deutlich. Besonders betroffen sind:
- Rund 8,9 Millionen Mietshaushalte in Mehrfamilienhäusern mit Einkommen unter 2.000 Euro, die mit 157 Milliarden Euro den zweitgrößten Investitionsblock darstellen. Ihre Belastung läge bei 22 Prozent, sofern Vermieter die Kosten vollständig auf die Mieter umlegen.
- 1,6 Millionen selbstnutzende Eigentümer von Einfamilienhäusern mit geringem Einkommen, deren Belastung bei 27 Prozent liegt.
Diese Haushalte sind nicht in der Lage, die erforderlichen Investitionen eigenständig zu tragen, was die Erreichung der Klimaziele gefährdet und zu einer finanziellen Überforderung führt. Im Gegensatz dazu können Haushalte mit einem Einkommen über 6.000 Euro die Investitionen aus laufenden Mitteln finanzieren.
Besonderheiten des vermieteten Wohnungsbestands
Malte Bei der Wieden, Studienautor, erläutert: „Einkommensschwache Haushalte leben überdurchschnittlich häufig in Gebäuden, die vor 1979 errichtet wurden, heizen vermehrt mit Gas oder Öl und tragen relativ zur Einkommenshöhe die höchste Investitionslast. 72 Prozent dieser Haushalte wohnen zur Miete in Mehrfamilienhäusern, deren Sanierungsentscheidungen von den Vermietern getroffen werden. 65 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern befinden sich im Besitz von Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften. Die Wärmewende im vermieteten Bestand ist daher besonders komplex.“
Investitionsbedarf in Nichtwohngebäuden und Rolle der Fernwärme
- Nichtwohngebäude machen etwa zehn Prozent des Gebäudebestands aus, verfügen jedoch über ein Drittel der Nutzfläche und verursachen einen Drittel der Emissionen im Gebäudesektor.
- Mehr als die Hälfte dieser Gebäude wurde vor 1978 gebaut, und die Sanierungsrate lag zwischen 2010 und 2019 bei lediglich 0,7 Prozent jährlich.
- Von den 639 Milliarden Euro Investitionsbedarf im GHD-Sektor entfallen rund die Hälfte auf öffentliche Gebäude wie Schulen, Kitas, Hochschulen, Sporthallen, Kultureinrichtungen und Kliniken, wobei allein für Schulen und Kitas 136 Milliarden Euro veranschlagt werden.
- Die Hauptverantwortung liegt bei den Kommunen, deren begrenzte finanzielle Ressourcen den Fortschritt erschweren.
- Der Industriesektor ist in der Studie nicht berücksichtigt, sodass der tatsächliche Investitionsbedarf höher ausfällt.
- Vermietete Mehrfamilienhäuser weisen bereits heute den höchsten Anteil an Fernwärme auf, der bis 2045 auf etwa 40 Prozent steigen wird.
- Einkommensschwache Mieter sind überproportional häufig auf Fernwärme angewiesen, weshalb die Bezahlbarkeit der Fernwärme für eine sozial ausgewogene Wärmewende entscheidend ist.
- Das kürzlich vom Bundeskabinett beschlossene Wärmenetzpaket sieht eine Preisaufsicht vor, um den Zielkonflikt zwischen Verbraucherschutz und Wirtschaftlichkeit des Netzausbaus zu adressieren.
Empfehlungen der Stiftung Klimaneutralität
- Die soziale Staffelung der Gebäudeförderung wurde zwar verbessert, reicht jedoch nicht aus. Besonders einkommensschwache selbstnutzende Eigentümer benötigen eine Sicherungsförderung, die den Eigenanteil vollständig abdeckt oder zumindest Vorfinanzierungsprobleme löst.
- Gemeinschaftliche Wärmeinfrastrukturen, insbesondere Wärmenetze, sollten durch verbindliche kommunale Wärmeplanung besser koordiniert und stärker gefördert werden, da einkommensschwache Mieter darauf angewiesen sind.
- Die Wärmeversorgung sollte langfristig stärker als öffentliche Daseinsvorsorge organisiert werden, um Investitionsrisiken zu bündeln und bezahlbare Lösungen für alle Haushalte zu gewährleisten.
- Skaleneffekte durch gemeinsame Beschaffung und Betrieb von Wärmepumpen sind zu nutzen, um die Kosten einer klimaneutralen Wärmeversorgung zu senken.
Thomas Losse-Müller ergänzt: „Das bestehende Instrumentarium aus Förderung, Beratung und Ordnungsrecht funktioniert für die Mehrheit der Haushalte, wie die Reform der Heizungsförderung zeigt. Für Haushalte unter 2.000 Euro netto besteht jedoch weiterhin ein Problem. Hier sind flankierende Maßnahmen wie aufsuchende Beratung und Vorfinanzierung erforderlich. Zudem muss der Fokus auf Nichtwohngebäude verstärkt werden, da ohne finanzkräftige Kommunen dieser Bereich der Wärmewende unvollständig bleibt.“
Über das Öko-Institut
Das Öko-Institut zählt seit über 40 Jahren zu den führenden unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtungen Europas im Bereich nachhaltiger Entwicklung. Es entwickelt Grundlagen und Strategien zur Umsetzung nachhaltiger Entwicklung auf globaler, nationaler und lokaler Ebene. Das Institut ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten. Weitere Informationen unter www.oeko.de.
Über die Stiftung Klimaneutralität
Die Stiftung Klimaneutralität wurde im Juli 2020 in Berlin gegründet und verfolgt das Ziel, Wege zur Klimaneutralität aufzuzeigen. In Zusammenarbeit mit anderen Think Tanks entwickelt sie sektorübergreifende Strategien für ein klimafreundliches Deutschland. Die Stiftung informiert und berät auf der Grundlage fundierter Forschung, unabhängig von Einzelinteressen. Weitere Informationen unter www.stiftung-klima.de.
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Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bereich Energie & Klimaschutz
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Originalpublikation
Klimaneutraler Gebäudebestand: Wer muss und kann wie viel investieren?
Das Gutachten wurde im Öko-Institut e.V. im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität erstellt.


