
Neue Erkenntnisse zur frühen Getreidedomestizierung im südlichen Levantegebiet
Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), liefert neue Erkenntnisse zur Zunahme der Getreidekorngröße zu Beginn der Jungsteinzeit vor etwa 11.000 Jahren. Die Forschung zeigt, dass diese Entwicklung eher auf verbesserte Wachstumsbedingungen als auf gezielte menschliche Selektion zurückzuführen ist.
Hintergrund und Forschungsansatz
Vor rund 11.000 Jahren begannen Gemeinschaften in Südwestasien damit, wilde Getreidearten, Hülsenfrüchte und andere Nutzpflanzen zu kultivieren. Diese Praxis markierte den Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur sesshaften Landwirtschaft und führte zur Herausbildung erster Agrargesellschaften.
In den frühesten Phasen dieser Entwicklung wurde eine deutliche Vergrößerung der Körner von Gerste und Emmerweizen beobachtet. Bisher wurde angenommen, dass diese Zunahme durch genetische Selektion im Rahmen des Anbaus verursacht wurde. Die neue Studie eines internationalen Forscherteams vom Exzellenzcluster ROOTS der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Universität Oxford stellt diese Annahme infrage und verweist auf Umweltfaktoren als Hauptursache.
Methodik und Ergebnisse
- Untersuchungsobjekte waren verkohlte Getreidereste aus den jungsteinzeitlichen Siedlungen el-Hemmeh und Sharara im Wadi el-Hasa, Jordanien.
- Die Analyse umfasste die Form der Körner, die ökologische Zusammensetzung der Begleitflora (Unkrautökologie) sowie stabile Kohlenstoffisotopenmessungen zur Bestimmung der Wachstumsbedingungen.
- Wildgetreide zeichnet sich durch kleine Körner und eine spröde Ähre aus, die das Ausbreiten der Samen erleichtert, jedoch die Ernte erschwert.
- Die Ergebnisse zeigen, dass die Kornformen in den frühesten Phasen noch wild waren, die Korngrößen jedoch stark variierten – von typischen Wildformen bis zu Größen, die mit domestiziertem Getreide vergleichbar sind.
- Die ökologische Analyse legt nahe, dass das Getreide in wenig gestörten Umgebungen wuchs, was gegen eine frühe systematische Bodenbearbeitung spricht.
- Die Kohlenstoffisotopenwerte belegen, dass größere Körner unter feuchteren Bedingungen wuchsen, während kleinere Körner mit trockeneren Wachstumsbedingungen assoziiert sind.
Interpretation und Bedeutung
Die Kombination der archäobotanischen, ökologischen und isotopischen Daten deutet darauf hin, dass die Umweltbedingungen, insbesondere die Verfügbarkeit von Wasser, maßgeblich die Korngröße beeinflussten. Die genetische Selektion zugunsten größerer Körner erfolgte demnach vermutlich erst zu einem späteren Zeitpunkt als bislang angenommen.
Dr. Jade Whitlam von der Universität Oxford betont, dass die Domestizierung ein komplexer und langwieriger Prozess war, der sich über mehrere Regionen erstreckte und eine Phase des „Anbaus vor der Domestizierung“ beinhaltete. Diese Phase schuf die Voraussetzungen für die Entwicklung charakteristischer Domestikationsmerkmale.
Professorin Cheryl Makarewicz vom Exzellenzcluster ROOTS hebt hervor, dass die Ergebnisse die Bedeutung von Umweltfaktoren bei den frühesten Stadien der Getreideentwicklung unterstreichen und den Übergang zur Landwirtschaft als graduellen Prozess innerhalb der Lebensweise von Jägern und Sammlern interpretieren.
Kontakt und weiterführende Informationen
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Cheryl Makarewicz
Institut für Ur- und Frühgeschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel / Exzellenzcluster ROOTS
Telefon: +49 431 880-3376
E-Mail: c.makarewicz@ufg.uni-kiel.de
Originalpublikation:
J. Whitlam, P. Flohr, A. Bogaard, M. Charles, B. Finlayson, & C.A. Makarewicz (2026). Developmental plasticity under human management shaped cereal evolution prior to domestication in the Early Holocene southern Levant. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (32) e2535274123.
https://doi.org/10.1073/pnas.2535274123
Weitere Informationen:
Exzellenzcluster ROOTS, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel



