Klimaschwankungen hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Ausbreitung der frühen Landwirtschaft in Südosteuropa

Klimaschwankungen hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Ausbreitung der frühen Landwirtschaft in Südosteuropa

Klimaschwankungen hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Ausbreitung der frühen Landwirtschaft in Südosteuropa

Kurzfristige Klimaschwankungen und ihre Auswirkungen auf frühe Bauern in Südosteuropa

Die Einführung der Landwirtschaft in Europa markiert einen bedeutenden Wandel der Vorgeschichte. Insbesondere in Südosteuropa kam die Ausbreitung der bäuerlichen Lebensweise jedoch für mehrere Jahrhunderte nahezu zum Erliegen. Häufig wird dies mit klimatischen Veränderungen, insbesondere Kälteeinbrüchen, erklärt. Eine aktuelle Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), veröffentlicht in der Fachzeitschrift PNAS, liefert neue Erkenntnisse: Am Fundort Franchthi auf der griechischen Halbinsel Peloponnes konnten keine signifikanten Kälteperioden nachgewiesen werden, und ein statistischer Zusammenhang zwischen Klimaschwankungen und der Wirtschaftsweise der damaligen Bevölkerung wurde nicht festgestellt.

Verbreitung der Landwirtschaft in Europa

Die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht führte zu veränderten Lebensgemeinschaften, Bevölkerungswachstum und einer Umgestaltung der Landschaft. Ab etwa 7.000 v. Chr. breitete sich die Landwirtschaft vom Vorderen Orient ausgehend nach Europa aus. Während dieser Prozess zunächst langsam verlief, stagnierte die Ausbreitung zwischen circa 6.600 und 6.000 v. Chr. vor allem in Griechenland. Anschließend erfolgte eine rasche Expansion entlang der Mittelmeerküste bis nach Portugal innerhalb von etwa 500 Jahren.

Untersuchung der Klimafaktoren

Als mögliche Ursache für die lange Phase der Stagnation werden kurzfristige Kälteeinbrüche diskutiert, insbesondere das sogenannte 8,2-Kilojahr-Ereignis vor etwa 8.200 Jahren. Diese Phase war durch schnelle klimatische Veränderungen gekennzeichnet, die zu besonders kalten Wintern geführt haben könnten. Solche Bedingungen hätten die landwirtschaftliche Produktivität beeinträchtigen und die Gründung neuer Siedlungen erschweren können. Bislang fehlten jedoch direkte Belege für das Auftreten dieser Kälteereignisse am betreffenden Ort und deren Einfluss auf die Lebensweise der Menschen.

Methodik: Analyse von Napfschneckenschalen

Für die Studie wurden 121 Schalen von Napfschnecken (Patella sp.) aus dem Fundort Franchthi untersucht. Diese Schnecken dienten als Nahrungsquelle, und ihre Schalen blieben als Abfall erhalten. Da die Schalen schichtweise wachsen, speichern sie Informationen über die Umweltbedingungen während der Lebenszeit der Tiere. Mithilfe eines eigens entwickelten Laserverfahrens konnten die saisonalen Wachstumsphasen präzise erfasst werden. Die anschließende Analyse der Sauerstoffisotope ermöglichte die Rekonstruktion von Extremtemperaturen während der jeweiligen Wachstumsperioden. Damit entstand ein bisher einzigartiger, hochauflösender Datensatz für einen einzelnen archäologischen Fundplatz.

Ergebnisse: Kein Nachweis extremer Kälte oder signifikanter Einflüsse

Die Klimadaten wurden mit Tierknochen aus denselben archäologischen Schichten verglichen, welche Aufschluss über die Ernährung und Nutzung von Tieren durch die damalige Bevölkerung geben. Die Analyse ergab keinen direkten Hinweis auf außergewöhnliche Kälteperioden und keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen lokalen Klimaschwankungen und Veränderungen in der Wirtschaftsweise. Somit gibt es für Franchthi keine Belege, dass Kälte die Nahrungsversorgung so stark beeinträchtigte, dass sie die Ausbreitung der Landwirtschaft verzögerte.

Schlussfolgerungen und Ausblick

Die Studienergebnisse schließen nicht aus, dass das Klima generell eine Rolle spielte, weisen jedoch darauf hin, dass kurzfristige Kälteeinbrüche an diesem Küstenstandort nicht die Hauptursache für die Verzögerung der landwirtschaftlichen Expansion waren. Andere Faktoren wie soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Entwicklungen könnten daher stärker relevant gewesen sein.

In zukünftigen Untersuchungen soll die angewandte Methode auf weitere Fundplätze ausgeweitet werden, um zu klären, ob die Befunde von Franchthi repräsentativ sind oder ob an anderen Orten kurzfristige Klimaereignisse eine größere Bedeutung für das menschliche Verhalten in der Vorgeschichte hatten.

Projekt und Förderung

Die Studie ist Teil der Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe SEAFRONT am LEIZA unter Leitung von Dr. Niklas Hausmann. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) untersucht das Projekt den Zusammenhang zwischen saisonalen Klimaschwankungen und menschlichem Verhalten in der Jungsteinzeit im Mittelmeerraum und trägt damit zur Erforschung der Mensch-Umwelt-Beziehungen bei.


Kontakt für wissenschaftliche Anfragen:

Dr. Niklas Hausmann
Leiter der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „SEAFRONT“
Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA)
Telefon: +49 (0)6131 8885-333
E-Mail: niklas.hausmann@leiza.de


Originalpublikation:

N. Hausmann & D. Theodoraki (2026): On-site, subannual climate records decouple Neolithic expansion from climate instability, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 123 (45): e2607859123
https://doi.org/10.1073/pnas.2607859123