
Deutlicher Rückgang von Libellen und Amphibien im Berliner Stadtwasser
Eine aktuelle Untersuchung unter der Leitung des Museums für Naturkunde Berlin dokumentiert einen erheblichen Rückgang der Populationen von Libellen sowie Amphibien in Berlin. Die Bestände der Libellen haben seit 1963 um mehr als 50 % abgenommen, während die Populationen von Fröschen, Kröten und Molchen seit 1981 um über 75 % zurückgingen. An der Studie wirkten auch die Berliner Fachleute Falk Petzold und Klaus-Detlef Kühnel mit, die für die Koordination der Datensätze verantwortlich waren. Die Untersuchung entstand im Rahmen des Projekts „Vielfalt verstehen – Natur erforschen und erleben“, gefördert durch die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, und wurde in der Fachzeitschrift Global Change Biology Communications veröffentlicht.
Lebensraumabhängigkeit und ihre Folgen
Libellen und Amphibien zeichnen sich durch eine doppelte Lebensweise aus: Sie verbringen ihre Larvenzeit im Wasser und leben als ausgewachsene Tiere an Land. Diese Abhängigkeit von zwei unterschiedlichen Lebensräumen macht sie besonders anfällig gegenüber Umweltveränderungen. Für die Studie wurden zwei umfangreiche, bisher unveröffentlichte Datensätze ausgewertet:
- Die Berliner Libellendatenbank mit knapp 24.000 Beobachtungen seit 1850
- Der Berliner Amphibiendatensatz mit über 16.000 Einträgen seit 1970
Diese Daten wurden von Naturschutzorganisationen und Fachgesellschaften gesammelt. Untersucht wurden 16 Gewässerstandorte, die über mehrere Jahrzehnte hinweg regelmäßig und vergleichbar beobachtet wurden. Dazu zählen unter anderem Waldseen im Grunewald, Moorgewässer in Köpenick sowie Teiche in Marienfelde und Tegel.
Die Auswertung ergab einen durchschnittlichen Rückgang der Libellenpopulationen um 51 % zwischen 1963 und 2023. Bei den Amphibien fiel der Rückgang mit 76 % zwischen 1981 und 2022 noch gravierender aus.
„Der Rückgang beider Tiergruppen entspricht dem allgemeinen Trend des Artensterbens, jedoch sind Amphibien aufgrund ihrer geringeren Mobilität besonders betroffen“, erläutert Silvia Keinath, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Museum für Naturkunde Berlin. Wanderwege zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen werden durch Straßen, Bebauung oder das Austrocknen kleiner Gewässer häufig unterbrochen. Libellen hingegen können als gute Flieger leichter neue Lebensräume erschließen, bleiben jedoch ebenfalls empfindlich gegenüber Veränderungen wie dem vorzeitigen Austrocknen von Teichen oder dem Verlust geeigneter Habitate.
Analyse der Bestandsentwicklung mit dem Living Planet Index
Zur Bewertung der langfristigen Bestandsentwicklung wurde der Living Planet Index verwendet, der die durchschnittlichen Veränderungen von Populationen verschiedener Arten in einem einzigen Wert zusammenfasst. Dieses Verfahren ermöglicht es, Trends über lange Zeiträume sichtbar zu machen, auch wenn die zugrundeliegenden Daten lückenhaft oder heterogen sind.
Ausgetrocknete Gewässer als Ursache für Bestandsverluste
Ein wesentlicher Faktor für die beobachteten Rückgänge ist das Verschwinden zahlreicher Kleingewässer in Berlin. Die Forschenden stellten fest, dass 36 der ursprünglich untersuchten Gewässer inzwischen vollständig ausgetrocknet sind. Ursachen hierfür sind unter anderem sinkende Grundwasserstände und ausbleibende Niederschläge. Da diese Gewässer in den Zeitreihen nicht mehr berücksichtigt werden konnten, ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Verluste noch höher ausfallen als die Studie dokumentiert.
Notwendigkeit eines kontinuierlichen Biodiversitätsmonitorings
Die Studie ergänzt frühere Untersuchungen des Museums für Naturkunde Berlin, die zeigen, dass seit dem Jahr 1700 etwa 16 % der ursprünglich in Berlin heimischen Arten verschwunden sind. Die aktuelle Arbeit bietet eine detaillierte zeitliche Perspektive auf die Entwicklung von Populationen über Jahrzehnte, noch bevor Arten vollständig aus der Stadt verschwinden.
„Unsere Ergebnisse demonstrieren, dass langfristige Bestandstrends auch auf Ebene einer einzelnen Stadt erfasst werden können, vorausgesetzt, es existieren kontinuierliche und gut dokumentierte Langzeitdaten, die für Analysen zur Verfügung stehen“, erklärt Silvia Keinath. In Berlin sind solche Daten bislang selten, da ein strukturiertes und dauerhaftes Biodiversitätsmonitoring fehlt. Das Museum für Naturkunde Berlin engagiert sich daher für den Aufbau eines solchen Monitorings in Zusammenarbeit mit Naturschutzverbänden, Bürgerwissenschaftlern und der Stadt, um die „Berliner Strategie zur biologischen Vielfalt 2030+“ zu unterstützen.
Originalpublikation
Keinath, S., Griesbaum, F., Sommerwerk, N., Petzold, F., Kühnel, K.-D., & Freyhof, J. (2026). Long-term population declines of habitat-shifting species in urban waters: A Living Planet Index approach for Berlin, Germany. Global Change Biology Communications, 1(3), e70039. https://doi.org/10.1002/gcb4.70039





