

Mathematische Modelle verdeutlichen Grenzen der Anpassungsfähigkeit von Arten
Eine aktuelle Untersuchung der Biomathematikerin Jitka Polechová von der Universität Wien, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PNAS, analysiert die Grenzen, die Arten bei der genetischen Anpassung an Umweltveränderungen erfahren. Die Studie zeigt, dass selbst langsame Umweltveränderungen einen kritischen Punkt erreichen können, an dem die Anpassung abrupt versagt. Dies führt zu einer Verkleinerung des Verbreitungsgebiets oder zur Aufspaltung von Populationen in isolierte Teilgruppen.
Zusammenspiel von ökologischen und evolutionären Prozessen
Die Forschung hebt hervor, dass ökologische und evolutionäre Prozesse nicht isoliert betrachtet werden dürfen, da Populationen in der Natur durch deren Wechselwirkungen geprägt sind. Ziel der Studie ist es, Bedingungen zu identifizieren, unter denen Populationen genügend genetische Diversität bewahren können, um auf Umweltveränderungen zu reagieren, sowie jene Umstände, unter denen diese Fähigkeit endet.
Bestimmende Faktoren für Anpassungsfähigkeit
- Geschwindigkeit der Umweltveränderung
- Grad der räumlichen Umweltheterogenität
- Intensität der genetischen Drift, also zufälliger Schwankungen in kleinen Populationen
Die Studie beschreibt einen Mechanismus, bei dem eine abnehmende Übereinstimmung zwischen genetischer Zusammensetzung und Umweltbedingungen die Populationsgröße reduziert. Dies verstärkt die genetische Drift, wodurch wichtige genetische Varianten verloren gehen und die genetische Vielfalt weiter sinkt. Die resultierende Abwärtsspirale führt zu einer eingeschränkten Anpassungsfähigkeit und kann das Verbreitungsgebiet drastisch verkleinern oder zur Fragmentierung der Population führen.
Rolle der Nachbarschaftsgröße und Genfluss
Ein wesentlicher Einflussfaktor ist die sogenannte Nachbarschaftsgröße, also die Anzahl der Individuen in einem lokalen Bereich, die sich genetisch austauschen. Kleine lokale Genpools sind anfälliger für genetische Drift. Ein erhöhter Genfluss zwischen Subpopulationen kann diesem Effekt entgegenwirken, indem er die genetische Variation erhöht und somit die Anpassungsfähigkeit stärkt. Dadurch können Populationen besser auf fortschreitende Umweltveränderungen reagieren und überleben.
Folgen für den Naturschutz
Die Ergebnisse bieten einen theoretischen Rahmen, der konkrete, überprüfbare Vorhersagen ermöglicht und für den Naturschutz relevant ist. Die Studie zeigt, dass selbst graduelle Umweltveränderungen Populationen an kritische Schwellen bringen können, ab denen ein plötzlicher Zusammenbruch droht. Sie betont die Bedeutung der Erhaltung genetischer Konnektivität zwischen Populationen und identifiziert Situationen, in denen Maßnahmen zur Förderung des Genflusses besonders effektiv sind, um die Anpassungsfähigkeit zu erhalten.
Methodischer Ansatz der Studie
Die Untersuchung kombiniert ökologische Modelle von Populationswachstum und räumlicher Bewegung mit evolutionären Mechanismen wie Selektion und genetischer Drift. Durch analytische Methoden und simulationsbasierte Ansätze werden räumliche und zeitliche Reaktionen von Populationen auf Umweltveränderungen untersucht. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Vorhersagen über Anpassungsgrenzen deutlich variieren, wenn ökologische und evolutionäre Prozesse gemeinsam betrachtet werden statt isoliert.
Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse
- Die Interaktion ökologischer und evolutionärer Prozesse kann zu einem kritischen Punkt führen, an dem die Anpassungsfähigkeit einer Population zusammenbricht.
- Eine definierte Schwelle entscheidet über das Fortbestehen oder den Zusammenbruch von Populationen.
- Ein erhöhter genetischer Austausch zwischen benachbarten Populationen verbessert die Anpassungsfähigkeit.
- Selbst langsame Umweltveränderungen können eine plötzliche Fragmentierung der Verbreitungsgebiete verursachen.
- Die Studie liefert wichtige theoretische Grundlagen für den Naturschutz und die Vorhersage von Populationsentwicklungen.
Informationen zur Universität Wien
Die Universität Wien blickt auf eine über 650-jährige Tradition in Bildung, Forschung und Innovation zurück. Sie zählt zu den weltweit führenden Universitäten und ist mit mehr als 180 Studienprogrammen sowie über 10.000 Mitarbeitenden eine der größten Forschungseinrichtungen Europas. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht hier Spitzenforschung und die Entwicklung nachhaltiger Lösungen für aktuelle Herausforderungen.
Kontakt und Publikation
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Jitka Polechová, PhD
Institut für Mathematik, Universität Wien
Oskar-Morgenstern-Platz 1, 1090 Wien
E-Mail: jitka.polechova@univie.ac.at
Telefon: +43-664-374-1607
Originalpublikation:
Polechová J. (2026): Evolution of Species‘ Range and Niche in Changing Environments. PNAS.
DOI: 10.1073/pnas.2604510123




