
Reduzierung von Lichtstress für Insekten durch neue LED-Beleuchtung an Bahnhöfen
Im Rahmen des Forschungsprojekts BALIN wurde eine neu entwickelte LED-Leuchte an sechs ländlichen Bahnhöfen im Westhavelland getestet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verwendung amberfarbener LED-Leuchten mit einer Farbtemperatur von 1800 Kelvin die Anziehungskraft auf fliegende Insekten im Vergleich zu herkömmlichen Beleuchtungen deutlich verringert. Das Projekt findet im Natur- und Sternenpark Westhavelland statt und liefert wichtige Erkenntnisse zum Schutz von Insekten vor den negativen Effekten künstlicher Beleuchtung.
Ergebnisse der Untersuchung
- Die 1800 K amberfarbene LED reduzierte die Anzahl der angelockten Insekten um etwa 40 bis 50 Prozent gegenüber den aktuell eingesetzten kaltweißen 4000 K LEDs sowie den älteren Natriumhochdruckdampflampen (2000 K).
- Die Biomasse der angelockten Insekten sank um bis zu 75 Prozent.
- Die Vielfalt der betroffenen Arten verringerte sich bei der 1800 K LED um 10 bis 20 Prozent, darunter befanden sich auch gefährdete und gesetzlich geschützte Arten.
- Obwohl Natriumhochdruckdampflampen ein wärmeres Licht (2000 K) abstrahlen, lockten sie Insekten ähnlich stark an wie kaltweiße LEDs mit 4000 K.
- Im Vergleich zu unbeleuchteten Kontrollflächen zog die 1800 K LED trotz der Reduktion weiterhin mehr Insekten an.
Die Studie unterstreicht, dass die spektrale Zusammensetzung der Lichtquelle entscheidend für die Anziehung von Insekten ist. Ein vollständig insektenfreundliches künstliches Licht existiert derzeit nicht; die beste Maßnahme bleibt das Abschalten der Beleuchtung. Wo dies nicht möglich ist, wie an Bahnhöfen, können geeignete Lichtfarben, Dimmen und Abschirmungen die Auswirkungen auf Insekten minimieren.
Praxisumsetzung bei der Deutschen Bahn
Basierend auf den Forschungsergebnissen hat die Deutsche Bahn bereits reagiert und die Beleuchtung an den untersuchten Bahnsteigen sowie einem weiteren Bahnhof auf die neuen 1800 K LEDs umgestellt. Diese Leuchtmittel wurden zudem in die offizielle Auswahl der DB InfraGO AG aufgenommen. Obwohl die amberfarbenen LEDs einen etwas höheren Stromverbrauch als kaltweiße LEDs aufweisen, bieten sie einen nachweisbaren Vorteil für die Biodiversität. Zudem wurde das wärmere Licht von einigen Fahrgästen als angenehmer empfunden.
Herausforderungen bei der flächendeckenden Einführung
Die flächendeckende Umrüstung aller Bahnhöfe wird durch rechtliche Rahmenbedingungen erschwert. Aktuelle EU-Beleuchtungsnormen und Sicherheitsvorschriften erlauben den Einsatz der 1800 K LEDs derzeit nur an nicht überdachten Bahnsteigen. Außerdem ist der Paragraf 46a des Bundesnaturschutzgesetzes, der den Schutz von Tieren und Pflanzen vor Beleuchtung regelt, noch nicht vollständig durch eine Rechtsverordnung umgesetzt. Diese Unsicherheiten erschweren langfristige Planungen und weitere Umrüstungen. Zudem fehlen aktuell neue Förderprogramme für Forschung im Bereich Lichtverschmutzung.
Übertragbarkeit und Bedeutung für weitere Bereiche
Die Projektverantwortlichen sehen in den Ergebnissen eine Signalwirkung, die über den Bahnbereich hinausgeht. Künstliche Lichtquellen beeinflussen das gesamte Ökosystem, indem sie Insekten die Orientierung nehmen und deren Populationen reduzieren. Dies wirkt sich negativ auf Vögel, Fledermäuse und die Bestäubung aus.
Die Erkenntnisse lassen sich auch auf private Gärten übertragen: Es wird empfohlen, Beleuchtung nur bei Bedarf einzusetzen, Lichtquellen mit angepasster Farbtemperatur zu verwenden, Leuchten abzuschirmen oder zu dimmen und möglichst nachts auszuschalten.
Kontakt und weiterführende Informationen
- Prof. Dr. Christoph Scherber
Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB), Museum Koenig Bonn
Leitung Zentrum für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung (zbm)
Tel.: +49 228 9122-450
c.scherber@leibniz-lib.de - Dr. Marianne Espeland
LIB Museum Koenig Bonn
Leitung Sektion Lepidoptera
Tel.: +49 228 9122-220
m.espeland@leibniz-lib.de




