Pflanzenvielfalt stärkt natürliche Schädlingskontrolle und stabilisiert Ökosysteme in Landwirtschaft und Naturschutz

Pflanzenvielfalt stärkt natürliche Schädlingskontrolle und stabilisiert Ökosysteme in Landwirtschaft und Naturschutz

Pflanzenvielfalt als Faktor für Naturschutz und Landwirtschaft

Eine umfassende internationale Analyse, an der das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) maßgeblich beteiligt war, belegt, dass eine hohe Pflanzenvielfalt in Agrarlandschaften die natürliche Schädlingsbekämpfung fördert und die Stabilität von Ökosystemen in Wiesen und Wäldern verbessert. Dies führt zu gesteigerten Erträgen in der Land- und Forstwirtschaft.

Unterschiedliche Wirkungsweisen der Pflanzenvielfalt in verschiedenen Ökosystemen

Obwohl die Bedeutung der Pflanzenvielfalt für stabile und widerstandsfähige Ökosysteme bekannt ist, waren die unterschiedlichen Effekte in landwirtschaftlichen Flächen im Vergleich zu Wiesen und Wäldern bisher wenig erforscht. Die aktuelle Studie mit dem Titel „Plant diversity modifies multi-trophic interactions in croplands, grasslands and forests“ wertet Daten aus 149 Feldstudien an 214 Standorten in 27 Ländern auf fünf Kontinenten aus. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.

Im Fokus stand die Untersuchung, wie Pflanzenvielfalt die Interaktionen zwischen Pflanzen, pflanzenfressenden Insekten und deren natürlichen Feinden beeinflusst. Erstmals wurden dabei Daten aus Agrarlandschaften, Grünland und Wäldern global zusammengeführt und Unterschiede in den ökologischen Mechanismen erkennbar gemacht.

Natürliche Schädlingskontrolle durch artenreiche Agrarsysteme

In landwirtschaftlichen Systemen zeigt sich, dass eine größere Pflanzenvielfalt vor allem die Populationen räuberischer Insekten und Parasitoide stärkt, während die Anzahl pflanzenfressender Schadinsekten zurückgeht. Dieses sogenannte Top-down-Prinzip führt zu einer natürlichen Regulierung von Schädlingen.

  • Im ökologischen Landbau steigt das Verhältnis von Nützlingen zu Schädlingen um fast das Zehnfache.
  • Im konventionellen Ackerbau erhöht sich dieses Verhältnis um etwa das Anderthalbfache.
  • Die Leistung pflanzenfressender Insekten nimmt mit zunehmender Pflanzenvielfalt signifikant ab.

Diese Ergebnisse belegen, dass vielfältige Anbausysteme die natürliche Schädlingsbekämpfung fördern und somit einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Landwirtschaft leisten können.

Unterschiedliche Dynamiken in Wiesen und Wäldern

In Grünland- und Waldökosystemen führt eine höhere Pflanzenvielfalt zunächst zu einer gesteigerten Pflanzenproduktion, die das Nahrungsangebot für Pflanzenfresser erhöht. Dies ermöglicht anschließend eine Zunahme der Populationen ihrer natürlichen Feinde. Dieses Bottom-up-Prinzip beschreibt eine trophische Wechselwirkung, die sich vom Muster in Agrarlandschaften unterscheidet.

Die Studie zeigt somit erstmals global, dass die Richtung und Art der trophischen Interaktionen stark vom jeweiligen Ökosystem abhängen. Während in Agrarlandschaften die natürliche Schädlingskontrolle im Vordergrund steht, trägt Pflanzenvielfalt in Wiesen und Wäldern zur Stabilisierung der gesamten Nahrungskette bei.

Wissenschaftliche Bedeutung und internationale Zusammenarbeit

Die Veröffentlichung baut auf einer wegweisenden Studie aus dem Jahr 2010 auf, die erstmals experimentell belegte, dass Pflanzenvielfalt Auswirkungen auf Nahrungsketten hat. Die aktuelle Datensynthese bestätigt diese Erkenntnisse global anhand zahlreicher Feldstudien und ergänzt sie um den Befund, dass unterschiedliche ökologische Mechanismen in verschiedenen Ökosystemen dominieren.

Die Untersuchung wurde von über 140 Forschenden aus fast 40 Ländern durchgeführt. Für die Datenerhebung wurden zwischen 2020 und 2025 rund 3.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kontaktiert. Die Analyse umfasst auch Daten aus dem europäischen Forschungsprojekt DIVERSify, an dem das LIB beteiligt war.

Bedeutung der Biodiversität für nachhaltige Landnutzung

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Biodiversität nicht nur ein Ziel des Naturschutzes ist, sondern auch wesentliche Ökosystemleistungen wie Schädlingskontrolle, Produktivität und Stabilität biologischer Gemeinschaften beeinflusst. Angesichts zunehmender Klimaextreme und steigender Anforderungen an nachhaltige Lebensmittelproduktion liefern die Erkenntnisse wichtige Grundlagen für die Entwicklung widerstandsfähiger Agrarsysteme. Die Forschung empfiehlt den Anbau von Mischkulturen anstelle von Monokulturen.

Kontaktinformationen

Pressekontakt:
Alexandra Hostert
Leitung Kommunikation, Presse & Event, Dipl. Biologin
Museum Koenig Bonn
Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Adenauerallee 127, 53113 Bonn
Telefon: 0228 9122 215
E-Mail: a.hostert@leibniz-lib.de

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christoph Scherber
Leiter Zentrum für Biodiversitätsmonitoring und Naturschutzforschung (zbm)
Stellvertretender LIB-Generaldirektor, Standort Bonn
Museum Koenig Bonn
Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Adenauerallee 127, 53113 Bonn
Telefon: 0228 9122 450
E-Mail: c.scherber@leibniz-lib.de

Publikation

Plant diversity modifies multi-trophic interactions in croplands, grasslands and forests. Science Advances 12, 23.07.2026.
https://doi.org/10.1126/sciadv.aeb8680

Weiterführende Informationen

Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB)