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10.03.2026 08:00
Plötzlich gesund
Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.
Wie das Element Bor hilft, wichtige Proteine für neue Krebstherapien herzustellen
Schwerlösliche Proteine verklumpen leicht und liessen sich bisher im Labor nicht automatisiert herstellen. ETH-Chemiker:innen haben jetzt einen Weg gefunden, um auch schwerlösliche Proteinteilstücke automatisiert zu vollständigen Proteinen zu verknüpfen.
Der Schlüssel zum Erfolg war eine Bor-haltige Verbindung, die Proteinfragmente viel schneller und damit auch in kleinen Konzentrationen verknüpft. Die Methode eröffnet zahlreiche neue Möglichkeiten für gezielte Krebstherapien oder um nicht-natürliche Aminosäuren in die Proteine einzubauen.
Viele für die moderne Medizin und Wissenschaft wichtige Proteine sind nur schlecht löslich. Dazu gehören beispielsweise zahlreiche Antikörper oder alle in den Zellmembranen verankerten Rezeptoren, auf die rund 60 Prozent der aktuellen medizinischen Wirkstoffe zielen. Überschreitet die Konzentration dieser Proteine einen gewissen Schwellenwert, verklumpen sie und verlieren ihre Funktionen.
Das Verklumpen verunmöglicht es, diese Moleküle im Labor automatisiert herzustellen. Da bei der Proteinproduktion mit spezialisierten Syntheserobotern immer mehrere Teilstücke zu einem vollständigen Protein verknüpft werden müssen, reicht meist sogar ein einzelnes schwerlösliches Proteinsegment, um die Herstellung zu blockieren. Die bisher bekannten Methoden, mit denen Chemiker:innen Proteinteilstücke verknüpfen, funktionieren nämlich nur, wenn diese in vergleichsweise hohen Konzentrationen gelöst vorliegen.
Wissenschaftler unter der Leitung von Jeffrey Bode, Professor am Laboratorium für organische Chemie der ETH Zürich, haben jetzt einen Weg gefunden, über den sich auch schwerlösliche Proteinteilstücke zu funktionierenden Proteinen verknüpfen lassen. Sie machten sich dabei die speziellen Eigenschaften einer chemischen Verbindung zunutze, die das Element Bor enthält.
Langsame Kohlenstoffchemie setzt Konzentrationsgrenzen
Der grosse Unterschied der ETH-Methode zu den herkömmlichen Vorgehensweisen besteht in der Geschwindigkeit der Verknüpfungsreaktion. Während die Biochemie in den Zellen von Lebewesen dank Enzymen sehr schnell abläuft, müssen derartige Reaktionen im Labor in der Regel stundenlang gerührt werden.
Diese Langsamkeit beschränkt auch den Konzentrationsbereich, in dem Chemiker:innen die Reaktionen im Labor nutzen können. Denn je langsamer eine Reaktion abläuft, desto höher muss die Konzentration der reagierenden Stoffe sein, damit sie planmässig funktioniert. Die neue Verknüpfungsmethode von Bodes Gruppe läuft jedoch rund 1000-mal schneller ab und funktioniert deshalb auch bei 1000-mal kleineren Konzentrationen.
Bor eröffnet neue Möglichkeiten
Die Beschleunigung der Reaktion gelang, indem die ETH-Chemiker:innen Bor-Atome in die Kohlenstoff-basierten Moleküle eingeführt haben. Diese kommen in natürlichen Molekülen nicht vor.
Das Halbmetall tanzt mit seinen Eigenschaften in vielerlei Hinsicht aus der Reihe. Verbindet es sich mit Metallen, sorgt es für äusserst harte und hitzebeständige Metalllegierungen. Mit den Nichtmetallen Kohlenstoff, Sauerstoff oder Stickstoff lässt es sich hingegen im Labor zu Molekülen mit oft ungewöhnlichen Reaktionseigenschaften verbinden. Der Japaner Akira Suzuki und der US-Amerikaner Richard Heck haben 2010 für die Entwicklung von Bor-basierten Kupplungsreaktionen zur Labor-Synthese von Naturstoffen den Nobelpreis für Chemie erhalten.
Bode erklärt: «In der Elektronenhülle des Halbmetalls Bor gibt es einen freien Platz, den Nichtmetalle nicht haben. Über diese ‹Lücke› können Elektronen von Nichtmetallen Bindungen eingehen. Das eröffnet zusätzliche Reaktionsmöglichkeiten. Und diese Reaktionen laufen häufig auch aussergewöhnlich schnell ab.»
Steiniger Weg zum Säureschutz
2012 hat Bodes Forschungsgruppe erstmals gezeigt, dass eine Kohlenstoffverbindung, in der Bor mit Fluor zu einer neuartigen chemischen Gruppe kombiniert war, Proteinteilstücke ausgesprochen schnell und zuverlässig verknüpfen kann. Diese Verbindung war jedoch gegenüber starken Säuren nicht stabil. Deshalb konnte sie nicht in der automatisierten Synthese eingesetzt werden.
Damit die empfindliche Bor-Verbindung die harten Bedingungen im Laborroboter überstehen konnte, benötigte sie eine schützende chemische Verpackung. Der Weg dazu war jedoch steinig. Vier Jahre lang testeten die Forscher verschiedene Strategien – meist erfolglos.
Der Durchbruch gelang schliesslich durch Zufall, als ein Doktorand einen Weg prüfte, von dem das Team glaubte, dass er nicht funktioniert. Die daraus entwickelte Schutzverbindung nimmt die Bor-Gruppe nun von drei Seiten «in die Zange». So kann sie während der Herstellung der Proteine nicht durch die Säuren zersetzt werden.
Bode betont: «Derart grundlegende Forschung, bei der wir ohne Aussicht auf Erfolg in ein unbekanntes wissenschaftliches Terrain vorstossen können, ist nur dank ungebundenen Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds und der ETH möglich.»
Nicht-natürliche Aminosäuren und Krebstherapien
Dank der ETH-Methode können nun verklumpungsanfällige Antikörper, Proteinmedikamente oder medizinisch wichtige Membranproteine mit Laborrobotern hergestellt werden.
Dazu kommt, dass sich an jeder gewünschten Position von schwerlöslichen Proteinen auch nicht-natürliche Aminosäuren mit speziellen Eigenschaften einführen lassen. Diese Bausteine können Chemiker:innen beispielsweise gezielt in ein Protein einbauen, wenn sie ihn an einer bestimmten Stelle mit einem Wirkstoff verbinden möchten. Auf diese Weise hergestellte Antikörper-Wirkstoff-Verbindungen werden unter anderem in Krebstherapien verwendet, die gesundes Gewebe nicht schädigen.
Wie die Methode in der Klinik zum Einsatz kommen wird, steht noch nicht fest. Bode selbst hat 2020 das ETH-Spin-off Bright Peak Therapeutics mitgegründet, welches die in seiner Forschungsgruppe entwickelten Technologien nutzt, um Immuntherapien zur Bekämpfung von Krebs zu entwickeln. Ein erstes Therapeutikum wird bereits klinisch erprobt. Die neue, Bor-basierte Methode könnte helfen, die Produktpipeline des Spin-offs weiter auszubauen.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jeffrey W. Bode, ETH Zürich,+41446332103, bode(at)org.chem.ethz.ch
Originalpublikation:
Schilling PE, Steiner S, Bode JW: Zwitterionic organoboron complexes for overcoming the concentration barrier in chemical protein synthesis. Science 2026, 391: 598, DOI:10.1126/science.aea7511
Weitere Informationen:
https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/03/wie-das-elemen…
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
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