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26.02.2026 10:35
Plötzlich gesund
Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.
Automatisierte Beatmungssysteme in der Neonatologie: Deutlicher Nutzen auf den zweiten Blick
Lässt sich die Rate schwerer Augen- und Lungenschäden – bis zur Erblindung und zum Tod – bei der Atemunterstützung extrem früh geborener Kinder durch automatisierte Beatmungssysteme senken? Ja – aber nur, wenn man das richtige Gerät mit dem richtigen Algorithmus verwendet. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, an der die Neonatologie der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums München entscheidend beteiligt war.
Im Jahr 2023 wurden allein in Deutschland über 4000 Kinder extrem früh geboren, mithin vor der vollendeten 28. Schwangerschaftswoche. Sie brauchen über Atemunterstützungssysteme zusätzlichen Sauerstoff, weil ihre unausgereiften Lungen den Körper noch nicht optimal mit dem Gas versorgen können. „Die Gabe von Sauerstoff ist die häufigste Maßnahme bei dieser Patientengruppe“, sagt Prof. Dr. Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie am LMU Klinikum München Großhadern und der Haunerschen Kinderklinik: „Trotzdem wissen wir kaum etwas über die optimale Dosis der Zufuhr.“ Zu wenig bedeutet Unterversorgung; zu viel Sauerstoff schädigt die Lungen und die Netzhaut der Augen bis hin zur Ablösung der Retina, was zur Erblindung führen kann. Pop-Legende Stevie Wonder beispielsweise ist das vor 75 Jahren passiert.
Manuelle Nachregulierung als tägliche Herausforderung
Um Wirkung und Nebenwirkungsrisiko zu optimieren, sollte die Sauerstoffzufuhr in einem engen Zielbereich genau dosiert sein, abhängig von der Sauerstoffsättigung im Blut der Kinder. Aber: Säuglinge atmen oft sehr unregelmäßig; zusätzlich schwanken Lungenbelüftung und -funktion der kleinen Patienten. Deshalb muss das Pflegepersonal die Konzentration des zugeführten Sauerstoffs immer wieder neu mit der Hand nachjustieren, was angesichts der knappen Personalressourcen eine Herausforderung darstellt. Können Maschinen mit automatisierter digitaler Technologie die Einstellung der Sauerstoffzufuhr übernehmen und sowohl die Rate der Lungenprobleme der Kinder reduzieren als auch die Rate der Netzhautkomplikationen?
Großangelegte Studie mit über 1000 Frühgeborenen
Um das herauszufinden, haben über 30 Kliniken in Deutschland und weltweit eine Studie gestartet, die herstellerunabhängig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde. Über 1000 Säuglinge nahmen teil, die in der 23. bis 27 Schwangerschaftswoche geboren wurden. Sie wurden aufgeteilt in zwei Gruppen. In Gruppe 1 wurde die Sauerstoffzufuhr automatisch geregelt. Die Frühchen in Gruppe 2 erhielten die bisherige Routinebehandlung mit manueller Anpassung des Sauerstoffs.
„In der Summe über alle Teilnehmer“, sagt Andreas Flemmer, „haben wir keinen statistisch deutlichen Effekt gesehen“ – weder weniger Lungenschädigungen noch weniger schwere Netzhautprobleme noch weniger Kinder, die an den Komplikationen ihrer Frühgeburtlichkeit sterben.
Ein Gerät sticht heraus: 35 Prozent weniger Lungenkomplikationen
Aber: Die beteiligten Kliniken haben drei unterschiedliche Beatmungsgeräte benutzt. Und in der Einzel-Analyse der verschiedenen Maschinen zeigte sich, so Flemmer, „dass die auf unseren Stationen verwendete Beatmungsmaschine die Rate der gefährlichen Lungenkomplikationen doch signifikant um 35 Prozent reduziert hat.“ Dieser erhebliche Effekt wird höchstwahrscheinlich dazu führen, dass die Algorithmen anderer Geräte weiterentwickelt werden.
Fazit: Entlastung des Pflegepersonals
In der Auswertung der Gesamtstudie kam außerdem heraus, dass eine automatische Sauerstoffregulation keine nachteiligen Effekte auf die kleinen Patienten hat. Das bedeutet, wie der Münchner Neonatologe sagt: „Man kann diese Technologie anwenden, was im klinischen Alltag die Pflegekräfte enorm entlastet, weil sie nicht mehr bei einem jedem Alarm die Sauerstoffzufuhr händisch nachregulieren müssen. Das macht jetzt die Maschine.“ Insgesamt, resümiert Andreas Flemmer, „also eine lohnende, praxisverändernde Studie.“
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Andreas Flemmer
Leitung Neonatologie
Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital
LMU Klinikum München
Campus Großhadern / Campus Innenstadt
Tel: +49 89 4400-72800
E-Mail: andreas.flemmer@med.uni-muenchen.de
Weitere Informationen:
https://www.lmu-klinikum.de/newscenter/pressemitteilungen/automatisierte-beatmun…
Bilder
Ein Frühgeborenes wird auf der Neonatologie am LMU Klinikum Großhadern überwacht
Quelle: Éva Gréta Schenkhut
Copyright: LMU Klinikum
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Medizin
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

